Nach seiner Kurz-Dokumentation „Kanu belong Keram“ hat sich der diplomierte Designer Daniel von Rüdiger nun an ein außergewöhnliches Bewegtbild in Spielfilmlänge gewagt. In „972 Breakdowns – Auf dem Landweg nach New York“ hat der Regisseur ein Künstlerkollektiv auf einer ganz besonderen Reise begleitet und dessen mitunter durch viel Naivität geprägten Trip als Road-Movie-Dokumentation festgehalten.

Handlung: Anne, Efy, Elisabeth, Kaupo und Johannes wagen sich an ein geradezu wahnwitziges Projekt. In vier russischen Ural-Motorrädern mitsamt Beiwagen wollen die Künstler von Halle aus Russland durchqueren, Alaska über die Beringstraße erreichen, um schließlich in New York anzukommen. In zweieinhalb Jahren legt das Kollektiv 43.000 Kilometer zurück, verschleißt mehrere Motorräder und erlebt satte 972 Pannen.

„972 Breakdowns“: Himmelfahrtskommando mit unklarem Motiv

Sicherlich muss man der sympathischen Truppe Respekt dafür zollen, eine derart beschwerliche und außergewöhnliche Reise auf sich genommen zu haben. Dass das ambitionierte Projekt nicht in Gänze geglückt ist – geschenkt. Und sicherlich sind auf dem holprigen Road-Trip einige fantastische Aufnahmen entstanden, die zweifelsohne den Kunstanspruch untermalen. Vor allem dann, als das Kollektiv mit seinen zu Katamaren modifizierten Zweirädern über den Fluss Kolyma in Richtung Beringstraße schippert. Leider versteift sich das Drehbuch über lange Strecken zu sehr auf den technischen Aspekt und lässt interessantere Punkte geflissentlich links liegen. Was ist eigentlich die Motivation hinter diesem Himmelfahrtskommando? Abenteuerlust? Ein Kunstprojekt? Am Ende wirkt „972 Breakdowns“ mehr wie eine Demonstration des technisch Machbaren und die Darstellung unüberwindbarer Grenzen – und lässt zu sehr außen vor, was diese Reise mit seinen Protagonisten macht. Gefühlt ist die emotionale Distanz zwischen Kamera und Mensch zu groß und das Team nicht offen genug für tiefere Einblicke. Vieles wird bestenfalls angedeutet, aber nicht weiter beleuchtet.

Ural-Megafloat auf dem Kolyma River / © leavinghomeproduktion GbR

Gleiches gilt für die einzelnen Charaktere und die Gruppendynamik. Werden die Teilnehmer zu Beginn noch gesondert vorgestellt und es wird von ihnen zu bedenken gegeben, dass auf solch einer Reise auch mal verschiedene Philosophien und Ansichten aufeinanderprallen können, versanden diese Ansätze im weiteren Verlauf zu sehr. Auf die Rollenverteilungen wird nicht genauer eingegangen, und die Truppe entpuppt sich allzu schnell als homogenes Kollektiv, das eigentlich keine Reibereien zulässt. Bestätigt wird das vor allem dann, als einer der Beteiligten auf dem Wasserweg das Ruder in die Hand nimmt und den Kapitän mimt. Wie auch bei all den erlebten Pannen, gibt es immer eine Lösung, immer eine helfende Hand – und wenig Diskussionsstoff. Eigentlich kaum zu glauben, dass fünf Menschen über solch einen Zeitraum und in derart vielen Ausnahmesituationen kein einziges Mal nennenswert aneinandergeraten sind.

„972 Breakdowns“: Bonusmaterial zwingend empfohlen 

Wie es auch anders geht, hat Anselm Pahnke in seiner preisgekrönten Dokumentation „Anderswo. Allein in Afrika“ bewiesen. Der Hamburger Geophysiker machte sich zunächst mit zwei Freunden auf die Reise durch Afrika, setzte seinen Trip dann aber alleine fort. Auf dem Fahrrad durchquerte er 15 Länder, legte 15.000 Kilometer zurück, erkrankte an Malaria, wurde festgenommen und verpasste sich einen selbstgebastelten Einlauf. Pahnke überwindet mit Leichtigkeit die Distanz zur Kamera und erzählt seine Geschichte menschlich greifbarer und in seinem emotionalen Motiv wesentlich nachvollziehbarer. 

Was in „972 Breakdowns“ gefühlt zu sehr vernachlässigt wird, reichen die Filmemacher aber zumindest teilweise im Bonusmaterial der DVD nach. Die Beteiligten kommen ausführlicher zu Wort, erläutern detaillierter ihre Rollen in der Gruppe und geben Einblicke in den Entstehungsprozess und die Hintergründe ihrer wagemutigen Aktion. Doch auch das reicht nicht aus, um den Menschen hinter der selbstauferlegten Odyssee näherzukommen und ihr Motiv zu verstehen. Über die gesamte Laufzeit der Dokumentation wirkt es fast so, als würden es die Künstler tunlichst vermeiden wollen, statt ihres Kunstprojekts sich selbst in den Fokus zu rücken. Aber sollte eine Reportage, die „972 Breakdowns“ im Grunde doch ist, nicht genau das tun? Die Protagonisten des Erlebnisberichts ins Rampenlicht rücken? Letztlich äußert sich dieses Umschiffen der interessantesten Punkte, die die Menschen in den Vordergrund gerückt hätten, auch im Ende des Films. Kunstvoll wird die riesige Landkarte in beeindruckender Draufsicht zu einem „The End“ zusammengefaltet, während die Ankunft am Zielort New York fast schon beiläufig im Abspann zusammengefasst wird.

2.5

Fazit

Bei aller abenteuerlicher Ambition und dem zweifelsfrei vorhandenen Kunstanspruch lassen es die Macher über weite Strecken am Zugang zu ihnen missen. Zwischen Zweiradmechaniker-Exkursion, Geographiekurs und Landschaftsaufnahmen verkommt „972 Breakdowns“ fast schon zur Technik-Demonstration irgendwo zwischen „MacGyver“ und dem „A-Team“.

Veröffentlichung: als DVD im Digipack.

Bildformat: 16:9 | Sprachen: Deutsch, Englisch | Untertitel: Deutsch, Englisch, Estnisch, Griechisch, Italienisch, Russisch, Spanisch | Bonusmaterial: insgs. 60 Min., inkl. 5 Interviews mit den Protagonisten, 1 Interview mit dem Regisseur, zahlreiche Animationen, extra Szenen + Hintergründe zur Reise, zum Making Of

Bildquellen

  • Beitragsbild: © leavinghomeproduktion GbR

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