© Camera Obscura Filmdistribution

Mit „Ex Drummer“ hat der belgische Regisseur Koen Mortier im Jahre 2007 sein Langfilmdebüt abgeliefert. Basierend auf dem Buch des flämischen Schriftstellers und Kolumnisten Herman Brusselmans, hat der Filmemacher ein verstörendes Werk geschaffen, das sich zweifelsohne seinen Platz in der „Kino Kontrovers“-Reihe verdient hat. Die DVD-Kollektion, die zunächst von der Mediengesellschaft Legend Home Entertainment veröffentlicht, dann von Bavaria Media übernommen und rechtemäßig schließlich EuroVideo zugesprochen wurde, beinhaltet so sozialkritische wie in ihrer Darstellung abstoßende Filme wie Gaspar Noés Vergewaltigungs-Fantasie „Irreversibel“, „Menschenfeind“ oder Larry Clarks Coming-of-Age-Drama „Ken Park“. Zur Mediabook-Veröffentlichung hat Filmfreax „Ex Drummer“ unter die Lupe genommen.

Handlung: Eines Tages schlagen bei Schriftsteller und Ex-Schlagzeuger Dries (Dries Van Hegen) drei abgewrackte Gestalten auf. Ihr Anliegen: Das Trio sucht noch einen Drummer für einen Band-Wettbewerb. Dries ist sowohl abgestoßen als auch fasziniert von den drei abgeranzten Charakterköpfen aus dem prekären Milieu und entschließt sich, der Punk-Rock-Band beizutreten.

Sozialdrama-Groteske zwischen „Trainspotting“ und „Die Commitments“

Augenscheinlich hatte Koen Mortier wohl zunächst eine Milieustudie wie Danny Boyles „Trainspotting“ und eine abgefucktere Variante der „Commitments“ im Sinn – und „Ex Drummer“ setzt sich auch gekonnt in diese kleine Nische. Doch Mortiers Literaturadaption versteht sich nicht als authentisches Prekariats-Porträt, sondern vielmehr als ausuferndes, schonungsloses und überzeichnetes Sittengemälde, dem man trotz der drastischen Darstellungen einen unübersehbaren Kunstanspruch und gesellschaftskritische Ambitionen attestieren muss.

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Wenn sich Dries zwischen Abscheu und Fazination in die „Unterschichtenwelt“ begibt, bemüht der Regisseur einen derben Humor, der tatsächlich erst mal an Danny Boyles Drogen-Farce erinnert. Doch „Ex Drummer“ ist nicht darum verlegen, sich gleich mal absurder zu geben und mit laufender Spielzeit immer weiter ins Groteske abzurutschen. Frontmann Koen de Geyter (Norman Baert) ist ein aufbrausender Gewalttäter, der lispelt und vornehmlich Frauen verprügelt, Gitarrist Ivan Van Dorpe (Sam Louwyck) ist so gut wie taub und überlässt die Erziehung des gemeinsamen Kleinkindes der drogenabhängigen Frau, während sich Bassist Jan Verbeek (Gunter Lamoot) um seinen ans Bett gefesselten Vater „kümmert“ und wegen eines Traumas einen steifen rechten Arm hat. Allein dieses gehandicapte Trio, das als Aufnahmekriterium eine Behinderung verlangt und Dries‘ „Ich kann nicht Schlagzeug spielen“ als eben solche akzeptiert, zeigt die abstruse Prämisse und dass Mortier nicht an einer realitätsnahen Milieustudie gelegen ist. Vielmehr versteht sich „Ex Drummer“ als allegorische Sozialdrama-Groteske.

Kunstvolle Punk-Rock-Attitüde

In teils kunstvollen und zum Ende hin überbordend blutigen Bildern zeichnet Mortier den Weg eines Privilegierten, der zunächst eher als Zuschauer in die untersten sozialen Schichten absteigt, mit der Zeit aber immer mehr ins Geschehen eingreift – und in einem Taumel aus Abschätzigkeit und Gönnertum der Faktor ist, der das Fass zum Überlaufen bringt. Was für den selbstgerechten Schriftsteller als krudes Sozialexperiment beginnt, konfrontiert den Zuschauer schonungslos mit der eigenen Schaulust und stellt gnadenlos dessen Wertesystem auf den Prüfstand. Zumal „Ex Drummer“ es geschickterweise so handhabt, wirklich keinen der Protagonisten als Sympathieträger und Identifikationsfigur darzustellen. Zwischen elitärer Abschätzigkeit, proletarischem Understatement, Brutalität und Sexismus sind hier alle Nuancen menschlicher Abgründe vertreten – und der Zuschauer muss sich entscheiden, wo er sich am liebsten verorten möchte. Oder ob er vermeintlich neutraler Beobachter bleibt, so wie es Dries anfänglich glaubt hinzubekommen.

Mortier kommuniziert sein voyeuristisches Manifest aber nicht nur mit einer allegorischen Bildsprache, sondern bemüht auch über die Maßen die Subkultur des Punk-Rock, was um das teilweise symbolische Visuelle einen rohen und authentischen Rahmen zieht. Wenn die selbsternannten „Feminists“ „Mongoloid“ der New-Wave-Band Devo stilecht in rotzig-punkiger Variante zum Besten geben, dann erreicht das seinerseits spielerisch einen Kultstatus, den vermutlich jeder Genre-Kenner der Filmgruppe attestieren wird. Davon mal abgesehen, dass der Regisseur einige reale Bands für den Soundtrack verpflichten konnte, der konsequenterweise auf dem belgischen Label Play It Again Sam veröffentlicht wurde.

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Fazit

Mit „Ex Drummer“ bringt Camera Obscura einen der stärksten Beiträge der „Kino Kontrovers“-Reihe als limitiertes schickes Mediabook auf den Markt, das zudem noch mit interessantem Bonusmaterial ausgestattet ist. Wer dem drastischen Stil eines Gaspar Noé nicht abgeneigt ist, wird sicherlich auch der rohen Charakter- und Milieustudie von Koen Mortier einiges abgewinnen können.

Veröffentlichung: ab dem 19. Februar 2021 als Blu-ray im limitierten Mediabook und bereits digital erhältlich. Im Test hatte Filmfreax die Blu-ray.

Bildformat: 1.77:1 (HD 1080p, 23,98 fps) | Tonformat, Sprachen: DTS-HD Master Audio 5.1 Deutsch, Flämisch | Untertitel: Deutsch, Englisch | Extras: Ex Director: The Making of Ex Drummer, Statement von Regisseur Koen Mortier, Kurzfilm „A Hard Day’s Work“, Kurzfilm „Ana Temnei“, Musikvideo „De grotse lul van ‚t stad“ von Flip Kowlier, Musikvideo „Oh, Brother“ von The Feminists mit Musik von Millionaire, Auftritt der Overdo Hykers, die Band, die es nicht in den Film schaffte, Deutscher und belgischer Trailer, Essay von Prof. Dr. Marcus Stiglegger

Bildquellen

  • Beitragsbild: © Camera Obscura Filmdistribution

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