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Mit seinem Regiedebüt „Searching“ ist der indisch-amerikanische Filmemacher Aneesh Chaganty einen eher ungewöhnlichen Weg gegangen. In dem treibenden Desktop-Thriller verfolgt er den besorgten Vater David Kim (John Cho), der das Notebook seiner verschwundenen Tochter hackt, um sie wiederzufinden. Die spannende Vermisstensuche wird ausschließlich über Monitore, Smartphones, Überwachungskameras und Messenger-Dienste dargestellt, was der Geschichte ein Quasi-Found-Footage-Flair verleiht. Für sein zweites Werk hat sich der Regisseur nun in „herkömmlichere“ Thriller-Gefilde gewagt, trotzdem aber auf Authentizität gesetzt, was sich vor allem in der Wahl seiner Hauptdarstellerinnen äußert.

Handlung: Diane Sherman (Sarah Paulson) kümmert sich aufopfernd um ihre behinderte Tochter Chloe (Kiera Allen). Doch hinter der Fassade der vermeintlich intakten Beziehung scheint die Mutter ein dunkles Geheimnis zu bewahren.

Interessante Prämisse und ungenutztes Potenzial

Vom Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom spricht man, wenn Eltern – zumeist sind es Mütter – ihre Kinder vorsätzlich verletzen oder krankmachen, um sich dann aufopferungsvoll um sie zu kümmern. Oft geht dieses Verhalten auch mit dem Drang einher, die Rolle des „Kümmerers“ nach außen hin zu betonen und sich als über die Maßen fürsorglich darzustellen. Das Drehbuch zu „Run“ macht keinen Hehl aus der Thematik und benennt schon früh, dass auch Diane nicht mit offenen Karten spielt, was die Erkrankungen ihrer Tochter betrifft – und derer hat die im Rollstuhl sitzende Chloe einige. Von Asthma über Diabetes und Herzrhythmusstörungen bis hin zur Lähmung hüftabwärts fristet die junge Frau ein Leben, das durch die Einnahme starker Medikamente geprägt ist. Trotz dieser Einschränkungen ist das tapfere Mädchen von Träumen und Wünschen getrieben, die der skeptischen Mutter aber ein Dorn im Auge zu sein scheinen.

© Leonine Distribution / Photo Credit: Allen Fraser.

Schon die Miniserie „The Act“ hat mit dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom diese bislang noch relativ oberflächlich erforschte artifizielle Störung zum Thema gemacht, indem sie den wahren Fall um Dee Dee und Gypsy Blanchard verhandelt hat. Patricia Arquette konnte für ihre Rolle der vordergründig treusorgenden Mutter gar den Golden Globe als beste Nebendarstellerin einheimsen. Leider widmet sich „Run“ im weiteren Verlauf der Geschichte nicht eingehender der Materie, driftet zunehmend ins „herkömmliche“ Thriller-Fach ab und präsentiert stattdessen eine Auflösung, die man nicht wirklich als allzu überraschenden Plot-Twist ansehen kann. Womöglich hätten der Geschichte ein bisschen mehr Drama und ein näherer Fokus auf dieses interessante psychologische Thema gutgetan.

Klaustrophobischer Thriller mit überzeugenden Darstellern

Trotzdem funktioniert Aneesh Chagantys neuestes Werk als kleiner, klaustrophobischer und düsterer Thriller in jedem Fall. „Run“ rangiert in seiner erzählerischen und visuellen Art irgendwo zwischen der Stephen-King-Adaption „Misery“ und dem fiesen, spanischen Suspense-Kammerspiel „Der Sanitäter“. Und inszenatorisch kann man dem ambitionierten Film phasenweise fast schon Hitchcock-Vibes attestieren, auch wenn er letztlich kein allzu außergewöhnlicher Genre-Beitrag geworden ist.

Einen enormen Anteil an der cineastischen Qualität von „Run“ haben aber zweifelsohne die beiden Hauptdarstellerinnen. Sarah Paulson („Ratched“, „American Horror Story“) ergibt sich zwar nicht demselben erdrückenden Wahn wie seinerzeit Kathy Bates, die für ihre Darstellung der Annie Wilkes in „Misery“ gar mit einem Oscar bedacht wurde. Aber man merkt der Aktrice durchaus an, dass sie in düsteren Thrillern das für sie passende Wirkungsfeld gefunden hat. Mit Kiera Allen hat Regisseur Chaganty ebenso einen wahren Glücksgriff getan. Dass ihr Umgang mit dem Rollstuhl ganz offensichtlich über die Maßen routiniert wirkt und dem Charakter eine gehörige Portion Authentizität verleiht, liegt schlicht und ergreifend daran, dass die Darstellerin tatsächlich in selbigem sitzt. Womit Allen – nach Susan Peters, die im Noir-Thriller „The Sign of the Ram“ von John Sturges aus dem Jahre 1948 einen Bösewicht verkörperte – nach satten 70 Jahren die zweite Schauspielerin im Rollstuhl ist, die für eine Hauptrolle gecastet wurde. Glücklicherweise gesteht das Drehbuch der talentierten Spielfilm-Debütantin nicht nur eine Opferrolle zu, sondern auch die Figur eine taffen Persönlichkeit. Dass das innerfamiliäre Katz-und-Maus-Spiel so überzeugend gelungen ist, ist vor allem der Chemie zwischen Paulson und Allen zu verdanken.

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Fazit

„Run“ mag zwar den Thriller nicht neu erfinden oder mit einem raffinierten Skript aufwarten, liefert aber mindestens einen soliden Genre-Beitrag, der vor allem mit seinen talentierten Darstellerinnen zu überzeugen weiß.

Veröffentlichung: seit dem 15.01.2021 als Blu-ray, DVD und digital. Im Test hatte Filmfreax die Blu-ray.

Bildformat: 2,40:1 (1080p/24) | Tonformat, Sprachen: DTS-HD MA 5.1 Deutsch, DTS-HD MA 5.1 Englisch | Untertitel: Deutsch | Extras: Interviews mit Cast & Crew, B-Roll

Bildquellen

  • Beitragsbild: © Leonine Distribution / Photo Credit: Allen Fraser

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