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Regisseur Mark Williams konfrontiert Gerard Butler in „Das Glück des Augenblicks“ mit der schwierigen Gratwanderung zwischen Familie und Arbeitsleben, während er in der Crime-Drama-Serie „Ozark“ einen Geldwäscher mit seinem Drogenboss aneinandergeraten lässt. Letztere entstammt zwar lediglich einer Idee des Filmemachers, zeigt aber, dass er anscheinend gerne seine Protagonisten im sensiblen Spannungsfeld aus moralischer Verpflichtung und beruflicher Pflichterfüllung platziert. Für seinen aktuellsten Streich hat Williams nicht nur erneut auf dem Regiestuhl Platz genommen, sondern auch den im fortgeschrittenen Alter zum Action-Helden mutierten Liam Neeson vor die Kamera geholt. Und auch in „Honest Thief“ kämpft die Hauptfigur mit dem Dilemma, sich zu Gunsten des Familiensinns aus einer „beruflichen“ Notsituation zu befreien.

Handlung: Der berüchtigte Bankräuber Tom Carter (Liam Neeson) möchte sich dem FBI stellen, um mit Partnerin Annie (Kate Walsh) ein gemeinsames Leben ohne Lügen zu führen. Sein Plan: Die gesamte Beute zurückgeben, um damit ein milderes Strafmaß zu erlangen. Doch als sich der ehrliche Kriminelle dem Agenten Sam Baker (Robert Patrick) anvertraut, nehmen die Ereignisse einen ungeplanten Lauf…  

Weniger Action, mehr Krimi

Spätestens durch seine Zusammenarbeiten mit dem spanischen Regisseur Jaume Collet-Serra hat sich Liam Neeson als gute Wahl für spannende Thriller empfohlen. Doch im Gegensatz zu den treibenden Single-Location-Whodunnits „The Commuter“ und „Non-Stop“, die den nordirischen Darsteller jeweils in einem fahrenden Zug und in einer Passagiermaschine hoch in den Wolken auf Täterjagd schickten, gibt sich „Honest Thief“ weniger actionlastig und erinnert vielmehr an Neesons Wahrheitssuche aus „Unknown Identity“. Was aber alle Geschichten eint, ist, dass der vermeintliche Verbrecher seine Unschuld beweisen muss.

Im Gegensatz zu Standeskollege Jaume Collet-Serra, verortet Mark Williams sein Werk allerdings nicht so eindeutig in der Action-Sparte, sondern schickt seine Schlüsselfigur gleich durch mehrere Genres. „Honest Thief“ rangiert irgendwo zwischen Heist-Movie, Cop-Thriller und Actioner, was an sich ganz passabel funktioniert, aber leider darunter ein bisschen leidet, dass das Storytelling nicht zielsicher genug ausfällt. Eine temporeichere Erzählweise und ein wenig mehr Raffinesse hätten dem Skript wirklich gutgetan.

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Allerdings schafft es Mark Williams, die Bostoner Kulisse konsequent zu nutzen und damit seine Thriller-Geschichte, teilweise fast schon grandios, adäquat zu bebildern. Wobei erwähnt sein sollte, dass nicht in Boston, sondern in Worcester, Massachusetts gedreht wurde.

Unterforderte Darsteller

Selbstredend wirkt auch die Figur des gewieften Bankräubers Liam Neeson wie auf den Leib geschrieben. Neben der Rolle des unschuldigen Opfers – sieht man mal von den bis ins Detail durchdachten Einbrüchen und dem erbeuteten Geld ab –, bedient der Darsteller auch hier wieder die Figur des alternden Haudraufs, der im Grunde durch und durch menschlich ist, sich im Zweifelsfall aber auch nicht davor scheut, Fäuste und Schusswaffen zur Notwehr einzusetzen. Die Vergangenheit als Marine macht es möglich. Leider ist es auch in „Honest Thief“ genau die Rolle, auf die Neeson mittlerweile festgelegt scheint: feinsinnig, höflich, mitfühlend, ein bisschen gebrochen, aber auch enthemmt, wenn eine Stresssituation ansteht. Dummerweise versucht das Drehbuch zu gewollt, seinen Protagonisten als Opfer und eigentlich ganz patenten Menschen darzustellen. Wenn Tom etwa Annie gesteht, was ihn zu seinen Taten motiviert hat, bemüht sich das Skript zu offensichtlich, die Hauptfigur als Sympathieträger darzustellen. Ein paar charakterliche Facetten mehr hätte man der Titelperson durchaus zugestehen können, zumal Neeson es sicherlich im Repertoire gehabt hätte.

Ein weiteres kleines Manko lässt sich außerdem in der Rollenbesetzung ausmachen. Jai Courtney („Suicide Squad“) und Anthony Ramos („A Star Is Born“) spielen als ungleiche Antagonisten überzeugend auf, und auch Jeffrey Donovan („Burn Notice“) als Agent Meyers macht seine Sache grundsolide. Aber Letzterer hätte mit Robert Patrick („Terminator 2 – Tag der Abrechnung“) gerne die Rollen tauschen dürfen. Denn der fällt leider viel zu früh dem Skript zum Opfer, was der Geschichte gleich mal den potenziell größten Reiz raubt. Wie spannend wäre es wohl ausgefallen, hätten sich Neeson und Patrick in einem ähnlich treibenden Katz-und-Maus-Spiel und verbalen Schlagabtausch wie seinerzeit Robert De Niro und Al Pacino in Michael Manns „Heat“ wiedergefunden?

3

Fazit

„Honest Thief“ lässt zwar einiges an Potenzial liegen – und man könnte ihm auch vorwerfen, lediglich ein generischer Actioner zu sein –, aber am Ende bleibt ein recht solide inszenierter Thriller, der durchaus zu unterhalten weiß und zumindest in seinen offensichtlich verwursteten Genre-Anteilen ein gesundes Maß findet.

Veröffentlichung: ab dem 01. April 2021 als Blu-ray und DVD, ab dem 28. Januar 2021 digital bei Amazon, AppleTV/iTunes, Sky, Videoload, Sony Playstation, Microsoft, Vodafone, Videociety, Videobuster, Rakuten.TV und Magenta AT. Im Test hatte Filmfreax den Stream.

Bildquellen

  • Beitragsbild: © Leonine Distribution

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