© Leonine Distribution

Bereits mit seiner tragikomischen Groteske „The Joneses – Verraten und verkauft“, in der sich Demi Moore und David Duchovny als gecastetes Traumpaar in der Vermarktung von Luxus-Artikeln verdingen, hat Filmemacher Derrick Borte einen kritischen Blick auf die Konsumgesellschaft geworfen, während er sich mit „American Dreamer“ eher am Noir-Thriller versucht hat. „Unhinged – Außer Kontrolle“ wirkt nun wie die konsequente Weiterentwicklung, bettet der in Frankfurt am Main geborene Regisseur seine eindeutige Sozialkritik doch in einen rasanten Action-Thriller.

Handlung: Die geschiedene, alleinerziehende Mutter Rachel (Caren Pistorius) steigt mit ihrem Sohn Kyle (Gabriel Bateman) mal wieder viel zu spät ins Auto, um ihren Zögling zur Schule zu bringen. Darüber hinaus verliert die gestresste Selbstständige wegen ihrer typischen Unpünktlichkeit auch noch ihre beste Kundin. Spätestens im Straßenverkehr hat der Ärger allerdings Konsequenzen: Rachel gerät im Stau an einen Pick-Up-Fahrer (Russel Crowe), der sich als psychopathischer Verfolger entpuppt.

Oberflächliche Gesellschaftskritik

Wer sich nach der Zusammenfassung womöglich auf einen zweiten „Falling Down“ freut, sollte seine Erwartungshaltung geflissentlich neu justieren. Zwar schneidet „Unhinged“ den Psychostress an, dem sich der autofahrende Bürger Tag für Tag aussetzt, befasst sich aber im weiteren Verlauf der Story nicht mehr tiefergehend mit der Thematik. Letztlich stellt der Straßenverkehr hier lediglich die Kulisse für eine temporeiche Hatz, die zugegebenermaßen gekonnt inszeniert wurde.

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Anders als Standeskollege Joel Schumacher, der seinerzeit Michael Douglas sukzessive und gnadenlos in einen Strudel aus Alltags-Triggern geraten ließ und damit dem Zuschauer ein ums andere Mal bekannte Situationen auftischte, an denen sich wohl schon jeder im Laufe seines Lebens mit Kopfschütteln abgearbeitet hat, macht sich Borte gar nicht erst die Mühe, die Motive seiner gestressten Figur zu ergründen oder ihr die Chance auf eine Portion Menschlichkeit zu geben. Zwar schimmert in Ansätzen durch, was den urbanen Amokläufer anscheinend antreibt, doch im Grunde identifiziert der Regisseur seinen männlichen Hauptdarsteller von Beginn an als entfesselten Gewalttäter, der eigentlich gar keine Trigger braucht und nicht allein wegen der anderen Verkehrsteilnehmer so aufgebracht ist. Russell Crowe verkörpert den Antagonisten, während Caren Pistorius ganz offensichtlich das Opfer ist. Mit dieser eindeutigen Rollenverteilung, die man fast schon als Schwarz-Weiß-Malerei abstrafen kann, erstickt „Unhinged“ genau die gesellschaftskritische Diskussion von vornherein im Keim, die „Falling Down“ 1993 so punktgenau adressiert hat. Dabei hätte es für diese reizvolle Kontroverse durchaus ein paar Gelegenheiten gegeben. Wenn Rachel bei der ersten Begegnung etwa diejenige ist, die im Stress des Straßenverkehrs empathielos agiert, dann hätte man hier spielend ansetzen können, um die Rücksichtslosigkeit und das Selbstverständnis vieler Autofahrer von Recht und Unrecht aufs Tableau zu bringen – und damit dem Publikum eine interessante Diskussionsgrundlage zu bieten.

Solide Action – und ein entfesselter Russell Crowe

Dass „Unhinged“ trotz dieser verpassten Chance eine Sichtung wert ist, ist der Tatsache zu verdanken, dass der Streifen zumindest als treibender Road-Rage-Movie funktioniert. Zwar sollte man großzügig über das eine oder andere Logikloch hinwegsehen können, schafft man das aber, bekommt man einen solide inszenierten Action-Thriller serviert, der nicht nur durch gekonnt gefilmte Verfolgungsjagden und einige derbe Gewaltspitzen überzeugt, sondern vor allem mit seinen Hauptdarstellern punktet.

Caren Pistorius („Slow West“, „Gloria – Das Leben wartet nicht“) spielt als grausam Verfolgte zweifelsohne stark auf, wobei Russell Crowe („Gladiator“, „A Beautiful Mind“) hier eindeutig die Hauptattraktion ist. Wie sich der neuseeländische Akteur mit Rauschebart und viel Wut im Bierbauch erbarmungslos seinen Weg durch die grauen Straßen und Gassen fräst und sich zu keiner Gelegenheit scheut, nicht nur seine PS-starke bullige Karosse als Waffe einzusetzen, ist tatsächlich beeindruckend. Derart entfesselt und brutal hat man den Schauspieler in dieser Form noch nicht gesehen.

3.5

Fazit

„Unhinged“ mag zwar in keiner Weise denselben gesellschaftskritischen Anspruch erfüllen wie „Falling Down“, funktioniert gleichwohl aber als actionreicher Road-Rage-Thriller mit einem ungezügelten Russell Crowe als Antagonist.

Veröffentlichung: ab dem 27. November 2020 als DVD, Blu-ray, 4K Ultra HD Blu-ray und digital. Im Test hatte Filmfreax die Blu-Ray.

Bildformat: 2,40:1 (1080p/24) | Sprachen, Tonformat: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch Dolby Atmos | Untertitel: Deutsch | Extras: Featurette, Trailer

Bildquellen

  • Beitragsbild: © Leonine Distribution

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