© 2020 Leonine Distribution

Der israelische Regisseur Yuval Adler hat schon mehrfach gezeigt, dass ihm in seinen Filmen an realen, historischen Bezügen gelegen ist. Im Thriller „Die Agentin“ von 2019 verkörpert Diane Kruger eine vom Mossad angeworbene Spionin, die nach der Beerdigung ihres Vaters spurlos verschwindet. Aber schon 2013 hatte sich der Filmemacher ins gleiche Genre gewagt. In „Bethlehem – Wenn der Feind dein bester Freund ist“ verfolgt er einen Informanten des israelischen Geheimdienstes. Für Ersteren hatte der Filmemacher nicht nur Kritik für seine mutmaßliche Fülle an anti-israelischen Klischees einstecken müssen, darüber hinaus wurde der durchwachsene Spionage-Thriller mit Diane Kruger und Martin Freeman in den Hauptrollen auch als B-Movie bezeichnet. Andere Kritiker hingegen lobten, dass der Film keine Partei ergreifen und sich stattdessen auf seine Figuren und deren Innenleben konzentrieren würde. Gleiches scheint Adler auch mit seinem neuesten Werk „The Secrets We Keep“ im Sinn zu haben.

Handlung: Im Amerika der Nachkriegszeit hat sich Maja (Noomi Rapace) mit ihrem Mann Lewis (Chris Messina) ein neues Leben aufgebaut. Dass sie im 2. Weltkrieg Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, hat die gebürtige Rumänin zunächst geflissentlich verdrängt. Doch als sie eines Tages ihrem vermeintlichen Peiniger (Joel Kinnaman) begegnet, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung: Sie will ihn entführen und zur Rede stellen.

Starke Darsteller im authentischen Setting

Adlers Thriller-Drama fängt zunächst recht passabel an, wenn es seine Hauptfigur vorstellt. Maja wirkt in ihrer Umgebung von Beginn an wie ein Fremdkörper. In der biederen Kulisse der 50er-Jahre spürt man sofort, dass mit der Protagonistin irgendwas nicht stimmt, dass da etwas Unheilvolles wabert, etwas, das ungesagt im Raum steht – und dass die außergewöhnliche Frau nicht ins triviale Muster der braven Hausfrau und Mutter und des damals gängigen Rollenbildes passen will. Wenn die Rumänin ihren Peiniger schließlich identifiziert und sich alle hilflos unterdrückten Traumata bahnbrechen, transportiert Noomi Rapace („Millennium“-Trilogie) das so glaubhaft, dass man der schwedischen Schauspielerin zweifelsohne eine ihrer überzeugendsten Darstellungen attestieren muss – was nicht zuletzt der Rolle selbst zu verdanken ist. Derartige Charaktertiefe war der Action erprobten Mimin in den letzten Jahren leider nicht allzu oft vergönnt.

Nicht minder glaubwürdig geben sich Chris Messina als Mediziner und Ehemann, der zwischen dem Glauben an seine Frau und objektiver Zurückhaltung taumelt, und Joel Kinnaman, der den Part des mutmaßlichen Antagonisten besetzen darf. Wobei Yuval Adler und Drehbuchautor Ryan Covington („Ball’s Out“) Letzterem durchaus mehr charakterliche Facetten hätten angedeihen lassen können.

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Verschenktes Potenzial zwischen den Genres

Dass „The Secrets We Keep“ leider zu keinem Zeitpunkt so richtig zünden will, ist beileibe nicht den Darstellern anzurechnen, sondern vielmehr dem schwächelnden Drehbuch, das gefühlt zwischen den Genres feststeckt und sich anscheinend nie so wirklich positionieren will. Für einen derben Revenge-Thriller gibt sich die Story nie drastisch genug, für eine historische Aufarbeitung bleibt das Skript zu oberflächlich, und für ein kammerspielartiges und psychologisch aufreibendes Katz-und-Maus-Spiel nimmt es seine Protagonisten viel zu selten in die Pflicht. Wenn Maja sich etwa „außer Haus“ auf Wahrheitsfindung begibt, geht bei der kompakten Spielzeit einfach zu viel Zeit verloren, die in einem klaustrophobischen Kammerspiel wesentlich besser angelegt gewesen wäre.

Gleiches gilt für eine geschichtliche Reflexion, in der man dem Monster des Krieges auf den Zahn fühlen und dessen Auswüchse hätte beleuchten können. Womöglich hätte „The Secrets We Keep“ als ausgesprochenes Drama sogar besser funktioniert. Leider gibt sich das Drehbuch konsequent inkonsequent, indem es nahezu jedes thematische Potenzial verschenkt und sich augenscheinlich nicht entscheiden kann, in welchem Genre es am liebsten verortet werden möchte.

Ein bestenfalls solider Thriller

Als Zuschauer wartet man die gesamte Laufzeit darauf, dass es nun endlich losgeht, nur um festzustellen, dass selbst das Finale überraschend überraschungsarm ausfällt. Leider verpasst es Yuval Adler, an den adäquaten Stellen einen mitreißenden Streifen um die Suche nach Wahrheit, Moral, Schuld und Sühne zu inszenieren und umschifft – ob ungewollt oder beabsichtigt, sei mal dahingestellt – alle zunächst stilsicher angesteuerten Genres. Was bleibt, ist ein bestenfalls solides Thriller-Drama, das fast schon ausschließlich von seinen überzeugenden Schauspielern lebt.

3

Fazit

Wer ein radikaleres Kammerspiel mit ähnlicher Thematik erleben möchte, das aus seinen Möglichkeiten wesentlich mehr macht, dem sei „Feedback – Sende oder stirb“ mit Eddie Marsan ans Herz gelegt.

Kinostart: 03. Dezember 2020

Bildquellen

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