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Schon mit ihren beiden Kurzfilmen „Drum Wave“ und „Creswick“ hat Regisseurin Natalie Erika James ihr feines Gespür für psychologischen Horror unter Beweis gestellt. Die japanisch-australische Filmemacherin sagt von sich selbst, ein Faible für Gothic-Horror und asiatische Schauergeschichten zu hegen. Folgt sie in „Drum Wave“ einer frisch vermählten Pianistin auf das insulanisch abgelegene Domizil der Schwiegereltern, um einem traditionellen Fruchtbarkeitsritual beizuwohnen, ist es in „Creswick“ eine junge Frau, die in ihr Elternhaus zurückkehrt, um die Demenzkrankheit ihres Vaters festzustellen. Letzterer lief erfolgreich auf über 60 Festivals weltweit – darunter das Fantastic Fest und das New York Film Festival – und bildet das Fundament für James‘ Langfilm-Debüt „Relic“.

Handlung: Kay (Emily Mortimer) kehrt mit Tochter Sam (Bella Heathcote) in ihr Elternhaus und die alte Heimat zurück, um nach Edna (Robyn Nevin) zu suchen. Die Großmutter und Mutter ist spurlos verschwunden, taucht aber ein paar Tage später plötzlich wieder auf. Tochter und Enkelin bemerken allerdings schnell, dass sich die alternde Dame verändert hat und nicht mehr wirklich sie selbst zu sein scheint.

Drama im Haunted-House-Horror-Gewand

Dass James vielmehr an Atmosphäre und weniger an gewollten Schockmomenten gelegen ist, macht sie gleich zu Beginn deutlich. Das düstere Setting und das dörflich gelegene Heim der merkwürdigen Großmutter machen schon früh klar, dass man es hier mit Haunted-House-Horror zu tun hat. Doch wie es schon die Serie „Spuk in Hill House“ und auch Ari Asters „Hereditary“ auf eindrückliche Weise vorgemacht haben, ist „Relic“ seinerseits wesentlich mehr als nur eine schnöde Gruselgeschichte.

Das autobiografisch inspirierte Werk der Regisseurin und Drehbuchautorin versteht sich vor allem als eindringliches Familiendrama. Als tragische Erzählung, die von Alzheimer und Demenz handelt und das über drei Generationen umspannende Dilemma um familiäre Verantwortung auf schmerzliche Weise greifbar macht. Da ist die alternde Großmutter, die immer hilfloser wird und noch einer Altersklasse angehört, in der Mehrgenerationenhäuser eine Selbstverständlichkeit waren. Dann ist da die Tochter, der im Spannungsfeld von Familie und Karriere Selbstschutz und -verwirklichung das höchste Gut zu sein scheinen, während die Enkelin den jungen Leuten zuzuordnen ist, die noch zwischen diesen Lebenszielen taumeln, aber im Gegensatz zu ihren Eltern einen ganz eigenen Sinn für Familie entwickelt haben und selbiger einen größeren Wert beimessen. Doch die komplexe Frage danach, ob und inwieweit Kinder für ihre Erzeuger verantwortlich sind, ist nicht das einzige Thema, das die Filmemacherin so clever und einfühlsam aufs Tableau bringt. Darüber hinaus geht es noch um Selbstakzeptanz, Kontrollverlust und die Bereitschaft, die eigene Endlichkeit anzuerkennen.

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Überzeugende Darstellerinnen

Dass „Relic“ auf so vielen Ebenen funktioniert und als tragisches Familiendrama und fein nuanciertes Gruselstück überzeugt, ist zu einem erheblichen Teil dem weiblichen Cast zu verdanken. Mortimer, Nevin und Heathcote brillieren hier als generationenübergreifendes Trio, das im innerfamiliären Mikrokosmos an seine physischen und psychischen Grenzen gebracht wird. Wie die drei Aktricen ihre Rollen mit Leben füllen und wie James die Figuren angelegt hat, ist psychologisch stets plausibel und emotional nachvollziehbar gezeichnet. Familiäre Konflikte und Kindheitstraumata, die auch in James‘ Kurzfilmen ein prominentes Motiv sind, flicht die Regisseurin ebenso selbstverständlich ein wie die pointiert platzierten Horror-Momente.

Intelligenter Horror

Natalie Erika James versteht es auf formidable Art und Weise, ihr emotionales Drama adäquat ins Horror-Setting zu pflanzen. Obligatorische Jump Scares, die ganz offensichtlich nur dem Selbstzweck dienen, sucht man in „Relic“ ebenso vergebens wie alle anderen Schockmomente, die sich oft nur auf plumpe und hilflose Art und Weise gängiger Genre-Mechanismen bedienen. Was die Regisseurin an Gruseleffekten so intelligent einbindet, hat stets einen metaphorischen Bezug zum Innenleben ihrer Protagonisten. Wenn sich etwa das finstere Elternhaus als schier auswegloses Labyrinth entpuppt, tut James das nicht nur, um das Publikum klischeehaft zu ängstigen, sondern stellt damit die komplexe und undurchdringbare Denke eines Demenzkranken dar. Und wenn in einem so verstörenden wie emotionalen Finale und in gnadenloser Konsequenz der Teufelskreis um Liebe und Verantwortung sichtbar wird, erkennt man, dass da jemand das Genre nicht nur verstanden hat und es liebt, sondern auch darum weiß, dass der wahre Horror in der Psyche seinen Ursprung hat – und genau dort stattfindet.

Veröffentlichung: ab dem 30. Oktober 2020 als Blu-Ray, DVD und digital. Im Test hatte Filmfreax die DVD.

Bildformat: 2,40:1 (16:9 anamorph) | Tonformat: Dolby Digital 5.1 | Sprachen: Deutsch, Englisch | Untertitel: Deutsch

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Bildquellen

  • Beitragsbild: © LEONINE

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