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Schon zweimal hat Regisseur Todd Haynes („Carol“) die Geschichten zweier real existierender Personen filmisch aufbereitet. Während er in seinem unkonventionellen Biopic „I’m not there“ Songwriter-Ikone Bob Dylan von Cate Blanchett verkörpern ließ, skizzierte er in der TV-Produktion „Superstar: The Karen Carpenter Story“ das Leben und künstlerische Wirken der gleichnamigen Hauptfigur, ihres Zeichens eine Hälfte des geschwisterlichen Pop-Duos The Carpenters. Mit „Vergiftete Wahrheit“ hat sich der Regisseur nun erneut einer wahren Geschichte angenommen. Der Spielfilm basiert auf dem New York Times-Artikel „The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare“, der thematisierte Umweltskandal wurde bereits 2018 von der Dokumentarfilmerin Stephanie Soechtig in „The Devil We Know“ aufgegriffen.

Handlung: 1998 wird der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt Rob Bilott (Mark Ruffalo) von zwei Farmern aus West Virginia aufgesucht. Einer von ihnen ist Viehzüchter Wilbur Tennant (Bill Camp), der auf seinem Hof im ländlichen West Virginia ein mysteriöses Kuhsterben feststellt und dem Chemiekonzern DuPont vorwirft, giftige Abfälle ins umliegende Gewässer zu leiten. Das Pikante dabei: Der Anwalt und dessen Kanzlei vertreten selbst das Unternehmen. Nach anfänglicher Skepsis hängt sich Bilott immer weiter in eine juristische Auseinandersetzung, die nicht nur jahrzehntelang andauert, sondern den Anwalt auch an seine psychischen und physischen Grenzen bringt.

Düsteres Umwelt-Thriller-Drama

Tatsächlich lässt sich „Vergiftete Wahrheit“ irgendwo zwischen „The Insider“ und „Erin Brockovich“ verorten. Todd Haynes‘ packendes Drama gibt sich zwar von Beginn an grau und düster, was visuell zunächst an den siebenfach oscar-nominierten Tabakindustrie-Thriller erinnert, lässt das unberechenbare Damoklesschwert in Form einer skrupellosen Industrie aber nicht ganz so drastisch über seinem Protagonisten kreisen, wie es Michael Mann 1999 Russell Crowe zugemutet hat. Gleichzeitig betont „Vergiftete Wahrheit“ die Emotionalität von Steven Soderberghs Umweltskandal-Drama „Erin Brockovich“, selbstredend aber ohne den flapsigen Ton der namensgebenden Hauptfigur, die seinerzeit von Julia Roberts verkörpert wurde. „Vergiftete Wahrheit“ bewegt sich geschickt zwischen den beiden Genrevertretern, lässt aber auch eine eigene Handschrift durchschimmern.

Haynes braucht beispielsweise nur wenige Einstellungen, um die allgegenwärtige Präsenz des Industrie-Giganten DuPont treffend zu visualisieren. Wenn Rob Bilott mit dem Auto durch seine alte Heimat Parkersburg in West Virginia streift, schafft es der Regisseur mit einer Handvoll Kamerafahrten, eine typisch amerikanische Region zu porträtieren, deren Existenz maßgeblich von der Dominanz eines einzigen mächtigen Konzerns abhängig ist – und im Handumdrehen all die als Volksverräter stigmatisiert, die – wie David gegen Goliath – gegen einen schier unbesiegbaren Gegner in den Krieg ziehen. Die Hand, die einen füttert, beißt man bekanntlich nicht.

© Mary Cybulski / Focus Features

Schauspielerische Spitzenklasse    

Mark Ruffalo überzeugt als kämpferischer Anwalt, der sowohl Privatleben als auch Job und Gesundheit riskiert. Wie er sich mit juristischer Inbrunst in seinen Fall hineinsteigert und dabei versucht, die Gratwanderung zwischen Job und Familienleben zu meistern, während der drohende Kollaps immer greifbarer in unmittelbare Nähe rückt, ist nicht nur schmerzlich anzuschauen, sondern auch authentisch dargestellt. Ruffalo gelingen sowohl die leisen subtileren Töne als auch die deutlichen Spitzen. Neben dem dreifach Oscarnominierten gibt sich Charaktermime Tim Robbins als gleichermaßen skeptischer wie wohlgesonnener Kanzleichef nicht minder glaubhaft, ohne die Performance seines Standeskollegen in irgendeiner Weise zu dominieren. Hervorgehoben werden muss aber auch Anne Hathaway, der als Bilotts Ehefrau Sarah Barlage augenscheinlich „nur“ eine Nebenrolle zuteilwird, die aber nicht nur zur Stichwortgeberin degradiert wird, sondern speziell in einer Schlüsselszene den im Grunde einsamen Kampf des Gatten emotionalisiert widerspiegelt.

Ein paar Längen, die aber zu verschmerzen sind

Während Michael Manns „The Insider“ sogar mit einer halben Stunde mehr die Spannung und Anspannung über die gesamte Laufzeit aufrechtzuerhalten versteht, ergeben sich bei „Vergiftete Wahrheit“ ein paar kleinere Längen, die allerdings nicht wirklich ins Gewicht fallen. Vermutlich ist das der Tatsache geschuldet, dass sich Haynes anscheinend akkurat an die Chronologie der wahren Begebenheit hält, dabei aber nicht umhinkommt, den Fall an den adäquaten Stellen zu verknappen. Denn man muss bedenken, dass das gesamte juristische Gefecht über zwei Jahrzehnte angedauert hat, wie es später der Abspann in kurzen Textpassagen noch mal erläutert.

Todd Haynes ist mit „Vergiftete Wahrheit“ eine so bedrückende wie eindrückliche Rekonstruktion eines wahren Ereignisses gelungen, das einmal mehr die Macht und Machenschaften skrupelloser Großkonzerne aufzeigt, die nicht vor perfiden Einschüchterungen zurückschrecken und in ihrer leider schon obligatorisch gewordenen Inhumanität den Profit vor den Menschen stellen.

4 / 5

Kinostart: 08. Oktober 2020

Bildquellen

  • Beitragsbild: © Mary Cybulski / Focus Features

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