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Vor allem im Kurzfilm-Bereich hat Regisseurin Shelag McLeod bisher Erfolge verbuchen können. Schon mit ihrem Debütfilm als Drehbuchautorin und Regisseurin hat die gebürtige Kanadierin auf sich aufmerksam gemacht. „David Rose“ heimste beim Kurzfilmwettbewerb auf dem Canada International Film Festival den 2011 Royal Reel Award ein“. Mit „Run“, ihrem zweiten Kurzfilm, wiederholte sie 2012 den Erfolg. Außerdem trat McLeod in etlichen Serien als Darstellerin in Erscheinung, darunter schon 1985 in einer Episode des legendären „A-Team“. Für ihren ersten Langfilm hat die Regisseurin nun Stars wie Richard Dreyfuss und Colm Feore vor die Kamera geholt.

Handlung: Angus Stewart (Richard Dreyfuss) ist ein einsamer Witwer, der schon sein ganzes Leben lang von einer Reise ins All träumt. Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und seiner Herzerkrankung ist es allerdings unwahrscheinlich, dass ihm dieser Traum zu Lebzeiten noch erfüllt wird. Doch als der Milliardär Marcus Brown (Colm Feore) einen Platz für den ersten zivilen Raumflug verlost, sieht der ehemalige Straßenbauingenieur seine Chance gekommen.

Richard Dreyfuss‘ schauspielerischer Höhepunkt?

Man kann Richard Dreyfuss hier zweifelsohne eine starke Leistung attestieren, wenn nicht sogar die Rolle seines Lebens. Wie er sich als teilweise sturer und doch immer herzlicher Opa gegen Altersstereotype und -diskriminierung stemmt, dabei zwar seine eigenen Grenzen erkennen muss und doch vehement an seinem Traum festhält, ist so schmerzlich wie herzzerreißend anzuschauen. Dreyfuss schafft es immer wieder, seiner Figur zwischen Hoffnung und Hilflosigkeit Stärke und Durchsetzungsvermögen angedeihen zu lassen – und sie damit zum großen und allzu menschlichen Sympathieträger zu machen.

Leider ist Angus dann auch schon der einzige Protagonist, dem ein wenig Tiefe zugestanden wird. Von der besorgten Tochter Molly (Krista Bridges) über den aufgeweckten Enkelsohn Barney (Richie Lawrence) bis hin zum Raumfahrt-Milliardär Marcus (Colm Feore) bleiben die Figuren allesamt Mittel zum Zweck, fungieren bestenfalls als Stichwortgeber und tun eben das, was sie tun müssen, um als Nebencharaktere die Geschichte voranzutreiben. Im schlimmsten Fall bleibt in den Charakterzeichnungen allerdings viel Potenzial liegen. Welch einen Quasi-Antagonisten hätte man aus Raumfahrt-Milliardär Marcus Brown machen können, den Colm Feore wahrscheinlich spielend auf die Leinwand gezaubert hätte? Aber der entpuppt sich allzu schnell als recht feiner Kerl. Gleiches gilt für Schwiegersohn Jim (Lyriq Bent), der den sturen Rentner vermeintlich ins Heim abschieben will, letztlich aber eindeutig auf dessen Seite steht und gleichermaßen als mitfühlender Kumpel durchgeht.

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Herzliches Plädoyer für die ältere Generation

Wie es für einen Familienfilm Usus ist, trägt auch Regisseurin Shelag McLeod ihr Anliegen alles andere als subtil vor. Es geht um Träume und darum, dass es für eben diese nie zu spät ist. Es geht darum, ältere Menschen ernst zu nehmen, sie nicht auf dem sozialen Abstellgleis zu parken – und ihnen ganz einfach zuzuhören. „Astronaut“ versteht sich als Plädoyer für ein Altern in Würde, was der Film in seinen stärksten Momenten auch durchaus schafft, widergespiegelt in Dreyfuss‘ überzeugender Darstellung.

Wie sehr sich die älteren Generationen in ihrem eigenen Mikrokosmos bewegen, wenn sie erst mal die letzte Etappe ihres Lebens angetreten haben, zeigt sich in seiner ganzen Tragik etwa dann, wenn sich Angus mit Heimbewohner Len (Graham Greene) fast wortlos verständigt, dessen „Gebrabbel“ für Außenstehende aber kaum „übersetzt“ werden kann. Das sind die Momente, die „Astronaut“ zu einem herzlichen Aufruf für einen humaneren Umgang mit den Menschen machen, die von unserer Gesellschaft gerne mal ausgeblendet werden. Allerdings muss man sich auch fragen, ob McLeod ihr eigenes Anliegen nicht vielleicht konterkariert, wenn sie diverse Figuren zu „Comic Reliefs“ degradiert. Ist es noch als respektvoll humorig zu werten, wenn etwa Angus‘ Mitbewohnerin im Seniorenheim den werdenden Astronauten anhimmelt und dabei gefühlt als „Demenz-Groupie“ herhalten muss, nur um für ein paar Lacher zu sorgen? Gut möglich, dass sich die Filmemacherin in ihrer zweifelsohne guten Absicht hier selbst ein bisschen verrannt hat.

Familienfilm ohne Ecken und Kanten

Selbstredend bugsiert die Regisseurin ihren kämpferischen Protagonisten auf eine kleine Odyssee, um Gehör zu finden. Als routinierter und erfahrener Bauingenieur warnt der rüstige Rentner schließlich vor Fehlern an der Bausubstanz der Startbahn und wird natürlich nicht sofort ernst genommen. Allerdings wird dieser spannende Handlungsstrang eher oberflächlich abgehandelt, was einmal mehr dem verschenkten Potenzial geschuldet ist. Zweifelsohne erwartet man hier keine „Wissenschafts-Orgie“, derer sich Christopher Nolan in seinen Werken gerne ergeht. Aber ein bisschen mehr Raumfahrt-Fachterminologie hätte der Authentizität sicherlich einen ordentlichen Schub verpasst.

„Astronaut“ macht keinen Hehl daraus, dass er nicht mehr und nicht weniger als ein Familienfilm sein möchte. Zugegebenermaßen ein streckenweise sehr herzlicher. Dass McLeod aber gar nicht daran gelegen ist, der Story in ihrem engen Genre-Korsett ein wenig Luft zu lassen, zeigt sich letztlich auch im Finale. Schon eine Szene vorher hätte man dem sympathischen Protagonisten einen würdigen und eher subtilen Abschied bescheren können. Stattdessen formuliert die Regisseurin ihre cineastische Coda erzählerisch und visuell komplett aus und setzt zudem noch auf billiges CGI. Was am Ende bleibt, ist ein allzu gefälliger Familienfilm ohne Ecken und Kanten, der ohne Weiteres aus dem Hause Disney stammen könnte.

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Kinostart: 15. Oktober 2020

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