© Pandastorm Pictures

Der brasilianische in Los Angeles lebende Filmemacher Fernando Grostein Andrade versucht mit „Soulfood“ eine raffinierte Mischung aus Coming-of-Age-Drama und Culture-Clash-Comedy. Leider gelingt ihm das mit seinem ersten englischsprachigen Werk, das beim Sundance Film Festival 2019 aufgeführt wurde, nur bedingt. Der Regisseur zeichnet zwar glaubhaft die Identitätssuche und –krise seines jugendlichen Protagonisten, schafft es aber nicht wirklich, die anderen Zutaten seiner Erzählung harmonisch mit den weiteren Bestandteilen zu kombinieren. Dabei hätten Prämisse und Schauplatz genügend Potenzial für ein ausgewogeneres Mahl geboten.

Handlung: Der 12-jährige Abe (Noah Schnapp, „Stranger Things“) reibt sich zwischen den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen seiner Eltern regelrecht auf. Halt findet der nach seiner Identität suchende Heranwachsende schließlich im brasilianisch-amerikanischen Koch Chico (Seu George), der den kochbegeisterten jungen Mann nicht nur in seiner Küche beschäftigt, sondern auch seinen kulturell-kulinarischen Blick schärft. Als Abe mit einem durchdachten Thanksgiving-Essen versucht, alle Familienmitglieder in Harmonie an einen Tisch zu bringen, eskaliert die Situation.

Zwischen Coming-of-Age und Culture Clash

Wie Abe im Spannungsfeld zwischen Islam und Judentum versucht, die verhärteten Fronten aufzuweichen, die sich in jeder Familienzusammenkunft offenbaren, wenn ein ums andere Mal der israelisch-palästinensische Konflikt wie automatisiert zum Thema wird, ist zweifelsohne herzergreifend anzuschauen. Wenn sich dann beim besagten Thanksgiving-Essen immer konkreter ein Scheitern von Abes emotionalem Unterfangen abzeichnet, spielt „Soulfood“ seine wahre Stärke aus. In fast schon kammerspielartiger Intensität spitzt sich die Lage immer weiter zu, mittendrin der heranwachsende Hobby-Koch, der verzweifelt versucht, mit ambitionierter und internationaler Kulinarik für Frieden zu sorgen.

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Leider vernachlässigt Andrade bei allem Feingefühl für das religiöse und kulturelle Straucheln seiner Hauptfigur den eigentlichen Aufhänger, respektive das entscheidende Bindemittel, gekonnt und schmackhaft unterzuheben. Dabei bietet sich mit dem multikulturellen Melting-Pot New York der passende Schauplatz dafür. In der Streetfood-Szene, die „Soulfood“ bestenfalls anschneidet, hätten sich sicherlich noch mehr Allegorien für Abes kulturelle Gratwanderung finden lassen. Im Gegensatz zu Jon Favreaus sommerlicher Feelgood-Comedy „Kiss the Cook“ lässt es Andrades trotz allem herzliche Coming-of-Age-Komödie aber an der nötigen Leidenschaft fürs Kochen vermissen. Ein paar Szenen und ein bisschen Fachterminologie mehr, die den lebendigen Akt des Kochens authentischer herausgestellt hätten, wären dem ambitionierten Genre-Eintopf zuträglich gewesen.

„Du verwechselst Fusion mit Pfuschen“

Gleiches gilt für den Versuch des Regisseurs, seiner Erzählung das Thema Cybermobbing hinzuzufügen. Zwar verleiht er der Geschichte einen zeitgemäßen Anstrich, wenn er seinen Protagonisten die Fortschritte der eigenen Kochkünste in den sozialen Medien dokumentieren lässt, behandelt das Thema aber ganz offensichtlich nur oberflächlich, wenn er Abe mit seinem interaktiven Mobber Auge in Auge konfrontiert, diesen Handlungsstrang im weiteren Verlauf aber nicht mehr prominent aufgreift. Wie gibt es Mentor Chico seinem Schützling so treffend mit auf den Weg: „Du verwechselst Fusion mit Pfuschen!“

Pfusch kann man Fernando Grostein Andrade aber beileibe nicht unterstellen, eher ein unglückliches Händchen beim Mischen der vielen Zutaten. Culture-Clash beherrscht der Brasilianer anscheinend aus dem Effeff, für seinen ersten Michelin-Stern muss sich der Regisseur aber noch ein bisschen mehr reinhängen.

Veröffentlichung: seit dem 21. August 2020 digital, ab dem 28. August 2020 als DVD. Im Test hatte Filmfreax die DVD.

Bildformat: 16:9 (2,35:1) | Tonformat: Dolby Digital 5.1 | Sprachen: Deutsch, Englisch | Untertitel: Deutsch, Englisch

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Bildquellen

  • Beitragsbild: © Pandastorm Pictures

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