© Warner Bros. Entertainment

Bereits zweimal hatte Warner Bros. den Kinostart von Christopher Nolans neuestem Sci-Fi-Action-Epos verschoben. Der Grund: die Corona-Pandemie. Zuerst verlegte die Filmgesellschaft das Werk von Mitte Juli auf Ende Juli, dann noch mal auf August. Nun hat es „Tenet“ in die Lichtspielhäuser geschafft, am 26. August debütierte Nolans frischer Output in den Kinos – schon im Vorfeld flankiert von einer übermäßigen Erwartungshaltung. Nachdem das soziale Leben durch Covid-19 weitgehend lahmgelegt und Restaurants und Kultureinrichtungen auf unbestimmte Zeit schließen mussten, wurde Christopher Nolans „Tenet“ zum Phoenix des Kinos stilisiert, zum Heilsbringer und Rettungsanker der Filmlandschaft und Filmschaffenden. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass der Regisseur und Drehbuchautor unter kritischen Cineasten ohnehin schon polarisiert. Inszenatorisch wird dem gebürtigen Briten selten ein Vorwurf gemacht, erzählerisch wurde dem Filmemacher hingegen schon des Öfteren attestiert, sich cleverer zu geben, als er tatsächlich ist.

Handlung: Der als „Protagonist“ bezeichnete Agent (John David Washington) erhält den Auftrag, einen 3. Weltkrieg zu verhindern. Für seine Mission bekommt er Unterstützung von Kollege Neill (Robert Pattinson). Doch die Bedrohung geht nicht von Nuklearwaffen aus, sondern von einem Mann, der die Zeit manipulieren kann.

Gemacht für die große Leinwand

Wie schon die Vorgängerwerke „Dunkirk“, „Interstellar“ und „Inception“ überzeugt „Tenet“ zunächst audiovisuell. Ob es die erste Szene im Opernhaus ist, die beeindruckenden Bilder auf dem Meer, die „zeitgedehnten“ Action-Sequenzen oder auch der Score von Ludwig Göransson – Nolan weiß, was er inszenatorisch tut. Man merkt dem Filmemacher einfach an, dass er das Kino liebt, dass er konsequent für die große Leinwand produziert und das technische Potenzial der Lichtspielhäuser auszuschöpfen versteht. Mit den opulenten Einstellungen – sicherlich maßgeblich auch Kameramann Hoyte van Hoytema zu verdanken, der schon seit „Interstellar“ mit Nolan zusammenarbeitet und zuletzt Brad Pitt in „Ad Astra“ adäquat in Szene gesetzt hat – und dem wummernden Score schafft Nolan mal wieder eine audiovisuelle Erlebniswelt, die zeigt, weshalb der Regisseur in der Traumfabrik so gefragt ist.

Erzählerisch der typische Nolan – wenn man nicht genauer hinsieht

Selbstredend hält sich Nolan auch in „Tenet“ nicht mit einer Wissenschaftsstunde zurück. Waren es in „Inception“ Männer in Designer-Anzügen, die ihre Ansichten zur Traumlehre wiedergaben, und in „Interstellar“ Astronauten, die das Universum erklärten, sind es im neuesten Werk erneut Männer im feinen Zwirn, die ihr physikalisches Geschwurbel zum Besten geben. Nolan ist und bleibt ein passionierter Erklärbär, der nicht anders kann, als seine Protagonisten zu lauter kleinen Harald Leschs zu degradieren. Doch diesmal greift der Filmemacher zu einem Kniff, der nicht nur im Ansatz seine Vorgehensweise ad absurdum führt, sondern auch dem Zuschauer unmittelbar aufzeigt, dass das bloße Verstehen nicht alles ist.

Seinem Hauptdarsteller wird schon recht früh in der Geschichte Intuition und Instinkt empfohlen. Es geht vielmehr ums Sehen, Fühlen und Erleben – und weniger um den Verstand, der diesen ganzen, über mehrere Zeitebenen fragmentierten Wahnsinn ohnehin nicht in seiner epischen Breite erfassen kann. Vermutlich auch ein Ratschlag an den Zuschauer, der versuchen wird, der Storyline auf Schritt und Tritt zu folgen und das gesamte erzählerische Konstrukt zu entschlüsseln. Geschichten über Zeitreisen – und im Kern ist „Tenet“ nichts anderes – sind aber nun mal per se inkonsistent und können durch wissenschaftliche Theorien bestenfalls ein bisschen unterfüttert werden. Allzu viel Substanz haben sie beileibe aber nicht, weshalb die Suche nach „Logiklöchern“ im Grunde sinnlos ist.

© 2019 Warner Bros. Entertainment, Inc. All Rights Reserved.

Emotional abgeflacht

So sehr sich Nolan anscheinend dieses Mal fast schon selbst nicht so ernst nimmt wie sonst und dem Zuschauer womöglich ein subtiles Augenzwinkern zuwirft, so eindimensional fallen seine Charakterzeichnungen erneut aus. Bei John David Washingtons Figur suggerieren die Trailer einen physisch und psychisch abgewrackten Typen, der von einer Misere in die nächste stolpert und einem überbordenden Mindfuck erliegt. Dabei gibt sich der namenlose Agent so souverän wie der Doppelnull-Agent zu seinen besten Zeiten. Kenneth Branagh hingegen wirkt als Waffenhändler und ehelicher Tyrann geradezu karikaturesk, wenn er mit seinem klischierten russischen Akzent aufwartet. Und auch eine überzeugend aufspielende Elizabeth Debicki, als dessen unterdrückte und erpresste Gemahlin, vermag es nicht, der Erzählung die nötige Emotionalität angedeihen zu lassen. Die Figuren sind mal wieder nur Mittel zum Zweck, woran man sich bei Nolan aber langsam schon gewöhnt hat. Wenn sich der Regisseur dann noch über weite Strecken mehr seiner Agenten- und Spionagegeschichte widmet, darüber hinaus aber den Sci-Fi-Aspekt ein bisschen außen vor lässt, spürt man gleichwohl, dass Nolan ein wenig anders tickt als sonst und nicht mit voller Kraft voraus übers Meer schippert. Bei aller Kritik vollbringt es der Filmschaffende dennoch, den Zuschauer mitzureißen. Wenn es nicht die Figuren sind, dann ist es eben die Action. Und wenn es nicht die verschwurbelte Zeitreise ist, dann womöglich der Spionage-Thriller. Was Nolan in der Vergangenheit an Vielschichtigkeit bestenfalls angedeutet hat, mag in „Tenet“ auf den ersten Blick wenig homogen wirken, lässt dem Zuschauer aber mehr denn je die Wahl – und taugt auf der einen Seite deswegen umso mehr als Blockbuster für die breite Masse, auf der anderen Seite aber auch für Cineasten, die intelligent konstruiertes Storytelling mögen.

Vielleicht trotzdem einer der stärkeren Nolans?

Für Nolan-Fans wird „Tenet“ vermutlich nicht in Gänze der typischen Machart des Regisseurs entsprechen, Kritiker werden die üblichen Schwächen bemängeln und vermutlich sogar noch mehr finden, und irgendwo dazwischen wird es Zuschauer geben, die genau dieser goldene Mittelweg überzeugt. Denn genau da bewegt sich der Film: Er ist ein typischer und dann doch wieder ein ganz untypischer Nolan. Er macht das, was man von ihm erwartet, und dann doch das Gegenteil.

„Tenet“ gibt sich in seiner Prämisse betont komplexer als seine Vorgänger, fordert den geneigten Kinogänger auf wissenschaftlicher Ebene mehr als sonst, gibt ihm aber auch die Freiheit, sich nur dem Erlebnis hinzugeben. Nolans neuestes actionreiches Sci-Fi-Epos mag auf den ersten Blick kein Meisterwerk sein und vermutlich auch nicht als solches in die Filmgeschichte eingehen. Aber es ist ein Werk, das thematisiert, was es auch selbst braucht – Zeit. Noch mehr als bei seinen anderen Streifen erfordert „Tenet“, dass man ihn wohl mehrmals sehen sollte, um die Komplexität zu ergründen, die der Regisseur in seinen älteren Filmen nur vermeintlich installiert hat. Oder man lässt es einfach bleiben und verschiebt die „Sinnsuche“ aufs Heimkino. Letztlich entpuppen sich oft die Filme als kleine Meisterwerke, die eine gewisse Zeit brauchen, um richtig zu zünden.

4 / 5

Kinostart: 26. August 2020

Bildquellen

  • Beitragsbild: © Warner Bros. Pictures

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.