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Schon in „Porfirio“ porträtierte der kolumbianisch-ecuadorianische Regisseur Alejandro Landes einen Menschen in einer Ausnahmesituation. Der Film von 2011 basiert auf wahren Begebenheiten und erzählt die Geschichte eines Mannes, der nach dem Schuss eines Polizisten querschnittsgelähmt ist. Porfirio Ramirez entführte daraufhin ein Flugzeug, um von der kolumbianischen Regierung ein Schmerzensgeld zu erpressen. Doch statt ein „herkömmliches“ Biopic aus der interessanten Story zu machen, holte Filmemacher Landes den Protagonisten gleich als Hauptdarsteller vor die Kamera – und verpasste dem Streifen damit einen dokumentarischen Charakter. Mit „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ zeichnet der Regisseur zwar eine fiktive Story, rückt seinen Figuren aber ebenso nah zu Leibe – und präsentiert damit schonungslos ihren emotionalen Ausnahmezustand.

Handlung: Irgendwo in Südamerika sitzt eine Truppe jugendlicher Guerillakämpfer an ihrem Posten fest, gehorsam auf Anweisungen wartend. Ihr einziger Kontakt besteht aus einem erwachsenen Boten, der in regelmäßigen Abständen vorbeischaut, um Befehle zu überbringen und die Jugendsoldaten zu triezen. Doch die ungleiche Truppe ist verunsichert und vor allem mit der amerikanischen Geisel (Julianne Nicholson) maßlos überfordert. Die Ereignisse überschlagen sich, die Gruppe droht zu zerbrechen.

Der realistischere „Herr der Fliegen“

Bedenkt man die Prämisse, ergeben sich Vergleiche zu Peter Brooks „Herr der Fliegen“ wie von selbst. In der Literaturadaption von William Goldings Roman ist es eine Gruppe von Kindern, die nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel strandet und auf sich allein gestellt zu überleben versucht. Als sich jedoch Hierarchien entwickeln und sich eines der Kinder den neuen sozialen Strukturen widersetzt, eskaliert die Situation.

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„Monos“ erzählt im Grunde nichts anderes, platziert seine Geschichte aber in ein weitaus realistischeres Szenario. Doch zunächst zeichnet Landes ein ebenso surreales Bild: Irgendwo im südamerikanischen Regenwald kämpfen die Jugendlichen nicht nur untereinander, sondern vor allem mit sich selbst. Zwischen kindlicher Neugier, jugendlichem Leichtsinn und Pfadfinder-Mentalität ist erst mal keine akute Bedrohung auszumachen. Es geht um Verantwortungen und Beziehungen, das Kriegstreiben wird anfänglich bestenfalls vage angedeutet. Doch dieses Halbstarkenverhalten wird spätestens dann gnadenlos gebrochen, als der Anführer der Gruppe Selbstmord begeht und wenig später tatsächlich ein Angriff auf den Posten der Jugendlichen erfolgt. Schnell wird klar, dass das alles kein Spiel ist, dass man sich nicht auf einer spaßigen Jugendfreizeit befindet – und die kindlichen Soldaten skrupellos instrumentalisiert werden.

Trotz schauspielerischer Leistung schwer zugänglich

Auch wenn schnell klar wird, worum es Regisseur Alejandro Landes geht und die Darsteller einen mehr als soliden Job machen, um diese Botschaft zu transportieren – genannt werden sollten hier vor allem Moises Arias („The Kings of Summer“, „Drei Schritte zu dir“), der als moralisch völlig entfesselter und nach Machtgefühl Dürstender die wenigstens Skrupel zeigt, Sofia Buenaventura, die quasi das komplette Gegenteil verkörpert, und Julianne Nicholson, die als erwachsene Kriegsgefangene zunächst an die Vernunft der Jugendlichen appelliert, letztlich aber genauso in den Moloch des kriegerischen Wahnsinns getrieben wird und ihren moralischen Kompass neu kalibriert, weil auch sie einfach nur überleben möchte –, bleibt die Geschichte emotional schwer greifbar. Selbstredend war es vermutlich die Intention des Filmemachers, keine Partei zu ergreifen, sondern in dokumentarischer Eindringlichkeit die durchlebten Traumata kommentarlos zu erfassen. Aber auf diese Weise verliert sich „Monos“ irgendwo zwischen der naheliegenden Botschaft eines „Herr der Fliegen“ und der allzu drastischen Darstellung eines „Apocalypse Now“. Der Fokus auf einen zugänglicheren Sympathieträger oder Antihelden hätte dem dokumentarischen Draufblick sicherlich keinen Abbruch getan.

Keine neue, dennoch wichtige Botschaft

„Monos“ präsentiert zwar nichts Neues – freilich muss kein Film ein Genre neu erfinden oder revolutionieren –, vermittelt aber dennoch ein wichtiges Anliegen, wenn er die Fragilität sozialer Gefüge und Kriegstraumata thematisiert. Für alle, die weder „Herr der Fliegen“ noch „Apocalypse Now“ bisher gesehen habe, könnte Alejandro Landes‘ radikales Porträt eines wenig dystopischen Krieges die perfekte Schnittmenge beider Genrevertreter darstellen. Zumal der Regisseur seine Geschichte vor allem visuell in monumentale Bilder gießt.

3,5 / 5

Kinostart: 04. Juni 2020  

Bildquellen

  • Beitragsbild: © DCM

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