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„Lucky“ markiert den vorletzten Spielfilm von Darsteller Harry Dean Stanton, der im September 2017 verstorben ist. Der in Kentucky geborene Charaktermime galt als einer der markentesten ewigen Nebendarsteller Hollywoods. Auftritte in Ridley Scotts „Alien“, Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ oder auch seine Zusammenarbeit mit Ausnahme-Regisseur David Lynch machten den Schauspieler zu einem der gefragtesten Akteure für eigenbrötlerische Charaktere – in Nebenrollen. Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert formulierte daraufhin die „Stanton-Walsh-Regel“, nach der Filme mit Harry Dean Stanton und Standeskollege M. Emmet Walsh, der ebenso stets auf kleinere Rollen festgelegt war, nie komplett schlecht sein könnten. Mit der Tragikomödie „Lucky“ hat Filmemacher John Carroll Lynch dem Traumfabrik-Granden nicht nur eine Paraderolle auf den Leib geschrieben, sondern ihm auch ein spätes Denkmal gesetzt.

Handlung: Irgendwo in der texanischen Einöde fristet der 90-jährige Lucky sein Dasein als alleinstehender, eigenbrötlerischer Mann – und ist damit nicht mal unzufrieden. Der Rentner hält sich mit Yoga fit und pflegt einen geregelten Tagesablauf, der durch feste Rituale geprägt ist. Der morgendliche Kaffee gehört genauso dazu wie der Gang ins Diner und die Kneipe um die Ecke. Als er eines Tages einen Schwächeanfall erlebt, fängt der grantige Pensionär damit an, sein Leben zu hinterfragen.   

Von Selbstreflexion und Altersmilde

John Carroll Lynch – der mit Regisseur David Lynch weder verwandt noch verschwägert ist und selbst eher als „Nebenrollengesicht“ bekannt sein dürfte – schickt seinen Protagonisten auf eine kleine Erkenntnis-Odyssee. Glücklicherweise konfrontiert Lynch ihn nicht mit einer todbringenden Krankheit und den berühmten letzten Lebenstagen, die erzählerisch schon so oft bemüht wurden, sondern stellt seine Hauptfigur nur vor die Aufgabe, das Altwerden zu akzeptieren. Doch was so leicht klingt und mit einem Satz abgehandelt werden kann, wenn man noch lange nicht vor dieser letzten entscheidenden Herausforderung steht, kann sich als emotionales Mammutprojekt entpuppen. Allein den Willen zur Selbstreflexion noch im hohen Alter zu entwickeln und sich mit der Vergänglichkeit, der Vergangenheit und der Halbwertszeit des eigenen Lebens zu befassen, kann nicht nur erleuchtend, sondern auch verdammt schmerzlich sein.

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Mit Stanton hat Lynch für sein Regie-Debüt aber zweifelsohne den goldrichtigen Mimen gewählt. Der grantige, jedoch größtenteils sympathische Lucky mag zwar bisweilen verbohrt und geradezu unausstehlich wirken. Aber wenn der rüstige Rentner schrittchenweise reflektiert, in tiefgründigen Gesprächen seine Einstellung hinterfragt und allmählich zu Einsichten gelangt, verkörpert der Altdarsteller das so authentisch, nachvollziehbar und zutiefst menschlich, dass man als Zuschauer immer besser Zugang zur phasenweise verdrießlichen Hauptfigur findet. Wie viel Stanton dem Protagonisten tatsächlich von sich selbst hat angedeihen lassen, kann man nur mutmaßen. Wenn man aber bedenkt, dass Stanton nie verheiratet war, Lucky eben dieses Versäumnis offenbar selbst bereut und sich die Bewusstwerdung dieser Zerknirschtheit schließlich in einer herzergreifenden spanischen Gesangseinlage bahnbricht, ist eine gewisse Parallele zum Leben des Darstellers vermutlich nicht von der Hand zu weisen – und man möchte sich mit dem Kerl einfach nur hinsetzen und ein bisschen trotzig, aber ohne Gram erst recht auf das Leben anstoßen.

Das inoffizielle Spin-Off zu „The Straight Story“

John Carroll Lynch findet immer wieder passende Metaphern für die späte Sinnsuche seiner Hauptfigur. Wenn Lucky sich etwa dazu entschließt, die blinkende Zeitanzeige auf der Kaffeemaschine zu beseitigen, indem er endlich die richtige Uhrzeit einstellt, zeigt er, dass man sich selbst im hohen Alter noch verändern und angelernte Verhaltensmuster aufbrechen kann. Flankiert wird Stanton auf seiner Reise von Stars wie Tom Skerritt, Ed Begley, Ron Livingston und sogar David Lynch – eine Zusammenarbeit, die für John Carroll Lynch nicht nur wie ein „Süßwarenladen“ war, wie er selbst sagt, sondern auch eine interessante Brücke schlägt. Wer Lynchs herziges Psychogramm „The Straight Story“ gemocht hat, in dem Richard Farnsworth den störrischen Alvin Straight verkörpert, der sich entschlossen auf seinen Rasenmäher schwingt, um durch die halbe Republik zu tuckern, seinen Bruder zu besuchen und endlich einen lebenslangen Zwist zu beenden, der könnte in „Lucky“ den Quasi-Ableger dazu sehen. Mehr Worte wollen wir über das herzerwärmende Ende gar nicht verraten, nur so viel – Harry Dean Stanton spielt in „The Straight Story“ Alvins Bruder.

„Lucky“ mag womöglich eine prägnante eigene Handschrift des Regisseurs missen lassen und nicht wirklich aus dem bekannten amerikanischen Independent-Kino herausragen, rührt aber mit viel Herz und Herzblut alle Zutaten an, die es für eine kleine tragikomische Ode an das Leben braucht – als hätte Jim Jarmusch „Tree’s Lounge“ von Steve Buscemi geschaut und dann das inoffizielle Spin-Off zu David Lynchs „The Straight Story“ gedreht.

Veröffentlichung: seit dem 03. August 2018 als Blu-Ray, DVD und digital. Im Test hatte Filmfreax die Blu-Ray.

Filmfreax-Heimkino-Wertung
4,5 / 5

Bildquellen

  • Beitragsbild: © Alamode Film

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