© 2020 Universal Pictures Germany

Der Start von „The Hunt“ stand wahrlich unter keinem guten Stern. Schon im September 2019 hätte die Menschenjagd-Satire in die US-Kinos kommen sollen. Doch dann ereignete sich im texanischen El Paso ein Amoklauf, bei dem 22 Menschen ums Leben kamen. Der mutmaßlich rechtsextreme Schütze hatte seine Tat auf der Plattform 8chan sogar angekündigt, bevor er die Walmart-Filiale stürmte. Es dauerte keine 24 Stunden, bis in Dayton, Ohio ein weiterer Einzeltäter neun Menschen tötete. Universal verschob den Kinostart seiner blutigen Satire auf März 2020 – dann kam das Coronavirus. Am 14. Mai veröffentlichte das Studio den Film hierzulande schließlich als kostenpflichtigen Stream.

Handlung: Nach einem mysteriösen Gruppenchat, in dem von einer Jagd auf „Erbärmliche“ die Rede ist, finden sich mehrere Menschen mit Mundknebeln gefesselt in einem Wald wieder. Auf einer Lichtung stoßen sie schließlich auf eine große Holzkiste, die sich als Waffenarsenal entpuppt. Als sie unter Beschuss geraten, wird ihnen schnell klar, dass man ein tödliches Spiel mit ihnen treibt. Doch warum und von wem wurden sie auserwählt?

Am Puls der Zeit

Der von Damon Lindelof („Lost“) und Nick Cuse („The Leftovers“) geschriebene Satire-Thriller bekam schon früh öffentliche Schelte. Die US-Medien bedachten den Film mit kritischen Stimmen und unterstellten den Machern, Gewalt zu verherrlichen und das Land zu spalten – und das, ohne den Film vorher gesehen zu haben. Erwartungsgemäß äußerte sich auch Präsident Trump dazu und nannte das „liberale Hollywood“ als „auf höchstem Niveau rassistisch und voller Hass“. Nun ist es mit Kontroversen aber nun mal so, dass sie eben nur so kontrovers sind, wie es die aktuelle Gemengelage zulässt. Im Fall von „The Hunt“ könnte man thematisch allerdings auch nicht aktueller aufgestellt sein, und Regisseur Craig Zobel und seine Autoren dürften sich über die breite prominente Werbung gefreut haben.

Spott für beide Parteien

Tatsächlich macht „The Hunt“ aber nicht den Fehler, sich zu positionieren. Vielmehr werden sowohl Rechtskonservative als auch Linksliberale gleichermaßen aufs Korn genommen. Während man auf der einen Seite auf unreflektiert emotionale Meinungen stößt, merkt die andere Seite nicht, wie sehr sie ich in überbordender Political Correctness ergeht. Die Macher nehmen hier eindeutig beide Parteien ins Visier, und wer auch immer meint, eine Seite als die böse auszumachen, wird sich vermutlich schnell als jemand outen, der schon lange von der politischen Mitte abgedriftet ist – in welche Richtung auch immer. Umso geschickter, dass Zobel, Lindelof und Cuse in ihrer Prämisse gleich mal die Rollen vertauschen und damit wunderbar die Opfer-Täter-Frage stellen. Dass sie hier eigentlich jeden satirisch vorführen, mag an manchen Stellen etwas zu plakativ und wenig subtil transportiert werden, verfehlt aber keinesfalls seine Wirkung. Die Fronten werden klar abgesteckt und der Zuschauer muss sich nur entscheiden, an welcher er kämpfen will.

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Betty Gilpin als die Mitte

Mit Betty Gilpin („Glow“, „Stuber“) installiert Craig Zobel schließlich eine Heldin, die eindeutig in der Mitte zu verorten ist. Allerdings tritt diese Figur erst recht spät in Erscheinung, was auch die Absicht der Autoren war. Angelehnt an Hitchcocks „Psycho“, führt Lindelof den Zuschauer zunächst an der Nase herum, wenn größere Namen wie Emma Roberts, Ike Barinholtz oder Justin Hartley erst mal in den Fokus gerückt werden, um sie dann doch relativ schnell aus dem Weg zu räumen. Die Autoren wollten früh vermitteln, dass es jeden jederzeit erwischen kann. Wohl auch ein Kniff, um es dem Zuschauer nicht zu leicht zu machen, sich für eine Seite zu entscheiden.

Während sich Betty Gilpin in der Rolle der Crystal Creasy durch die Geschichte ballert, deckt sie gnadenlos auf, woran die Gesellschaft immer mehr krankt: Die vernünftige Mitte bröckelt weg und übrig bleibt nur ein Wust aus viel „Meinung“ und noch mehr emotionalisierter Unreflektiertheit. Mittendrin eine Antiheldin, die nicht nur ums Überleben kämpft, sondern auch eben diese ungefilterte Wut und die Vorurteile offenbart, der sich viele mittlerweile hemmungslos hingeben. Kein Wunder, dass Crystal zwischen so viel unkontrollierter Tobsucht, Empörung und Erregung fast schon emotionslos wirkt.

Solider Satire-Actioner

Von der mal clever und mal etwas zu offensichtlich inszenierten Satire abgesehen, bekommt man mit „The Hunt“ einen soliden Action-Thriller serviert, der in einem denkwürdigen Finale endet, wenn sich Crystal schließlich einem blutigen Kampf Auge in Auge stellt. Craig Zobel und Kollegen ist eine ordentliche Action-Farce gelungen, die zwar gerne subtilere Töne hatte anschlagen können und im Nachgang weniger Diskussionsstoff bieten dürfte als im Vorfeld, für den kurzweiligen Kinoabend zu Hause aber durchaus zu gebrauchen ist.

Veröffentlichung: seit dem 14. Mai als Stream bei Amazon, Sky Store, Google Play, Microsoft, Rakuten TV, Videoload, videociety und CHILI.  

Filmfreax-Heimkino-Wertung
3 / 5

Bildquellen

  • Beitragsbild: © 2020 Universal Pictures Germany

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