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Schon in Lulu Wangs „Die Kunst des Liebens“ spielte der Tod eine mehr oder weniger zentrale Rolle. Vor Berliner Kulisse und mit deutschen Stars wie Tom Schilling und Alexander Fehling in Nebenrollen, wirkte die sympathische RomCom aber streckenweise eher wie eine seichte Liebeskomödie aus den Öffentlich-Rechtlichen, auch wenn die Regisseurin hier schon nachdenkliche Töne anschlug. Während diese feinen Noten aber in einem Wust aus „Before Sunrise“-Versatzstücken kaum hörbar waren, legt die chinesisch-amerikanische Filmemacherin mit ihrem zweiten Langfilm nun eine wesentlich feiner durchdachte Komposition vor – und beweist mit dem autobiografisch inspirierten „The Farewell“ gleich für mehrere sensible Themen ihr Feingefühl.

Handlung: Als die in den USA lebende und aufgewachsene Billi (Awkwafina) und ihre Eltern von der Krebserkrankung der Großmutter Nai Nai (Zhao Shuzhen) erfahren, macht sich die Familie auf die Reise in die chinesische Heimat. Billi kämpft allerdings mit ihren Gefühlen, als sie erfährt, dass man der Oma die Ergebnisse der niederschmetternden Diagnose vorenthält, um sie nicht zu beunruhigen. Unter dem Vorwand einer Hochzeit wird die Großfamilie noch einmal zusammengebracht, damit jeder die Gelegenheit hat, sich in aller Stille zu verabschieden.

Mit feinem Humor gegen den Tod

Lulu Wang verzichtet in „The Farewell“ auf laute Gags, stellt ihre Figuren niemals bloß und begegnet ihnen stattdessen mit Respekt und feinem Humor. Die witzigen Momente sind teilweise so subtil, dass man sie kaum wahrnimmt, der im Grunde traurigen Geschichte aber stets eine Leichtigkeit angedeihen lässt, die das sensible Thema auf eine schmerzlich heitere Art greifbar macht. Selbstredend äußert sich das dann nicht nur in komischen Momenten – etwa, wenn die sympathisch-patriarchalische Großmutter die Hochzeitsplanung in die Hand nimmt –, sondern auch in traurigen Szenen, wenn sich Billis Unmut über den Umgang mit der geliebten Oma in einem herzergreifenden Gefühlsausbruch bahnbricht. Die Regisseurin findet hier stets den richtigen Ton und sorgt im emotionalen Schleier aus Traurigkeit und Zweckoptimismus ganz selbstverständlich für ein Schmunzeln oder rührt immer wieder zu Tränen.

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Eine Gratwanderung zwischen den Kulturen

Dass diese schwierige und schier unmögliche Aufgabe der Gefühlsunterdrückung so nahvollziehbar dargestellt wird, liegt vor allem an einer grandios aufspielenden Awkwafina. Für ihre Rolle als Billi wurde die Rapperin 2020 mit dem Golden Globe in der Kategorie „Komödie oder Musical“ als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Und das mit Recht, wenn man berücksichtigt, dass die Protagonistin gleich an zwei Fronten zu kämpfen hat. Die verzweifelte Enkelin arbeitet sich nämlich nicht nur an ihren eigenen Emotionen ab, sondern auch an einer Kultur, die sie bestenfalls aus ihren ersten Lebensjahren kennt. In ihrem westlichen Verständnis von Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung muss sie erst lernen, dass in der asiatischen Heimat die Familie über allem steht, dass das Kollektiv vor dem Individuum kommt. Und dass das Familiengefüge nur dann nicht in sich zusammenbricht, wenn alle an einem Strang ziehen. Auch wenn es bedeutet, dass man jemandem eine Lüge auftischt – und die Grenze zwischen Fürsorge und Entmündigung zusehends verschwimmt. Doch wenn man sich als Zuschauer die Mühe macht, zwischen den Zeilen zu lesen, kleine Gesten zu analysieren und diese kulturelle Hürde überwindet, dann deutet sich immer wieder ein unausgesprochenes Einvernehmen an.

So respektvoll Lulu Wang diese kulturelle Gratwanderung beschreitet, so sehr nimmt sie sich aber auch die Freiheit, die fürs westliche Selbstverständnis merkwürdig anmutenden Gepflogenheiten auf den Prüfstand zu stellen. Wenn sich die Familien beim gemeinsamen Mittagessen in einem so spitzfindigen wie lakonischen Wortgefecht über die Erfolge ihrer Kinder duellieren, bildet das schon sehr treffend eine Kultur ab, die zwar den Familienzusammenhalt über die Maßen predigt, hin und wieder aber auch leicht in Neid und Missgunst eskalieren kann. Doch Wangs Exkurs versteht sich beileibe nicht als Anklage. Vielmehr beobachtet sie, sie dokumentiert – und tut das stets mit einem wohlwollenden Augenzwinkern.

„The Farewell“: Das herzliche Porträt einer kulturellen Grenzgängerin

Lulu Wangs sympathische Tragikomödie lässt sich vermutlich irgendwo zwischen Drama, Coming-of-Age und Culture-Clash verorten. Wer selbst in diesem manchmal anstrengenden und dann doch so bereichernden Spannungsfeld zweier Kulturen aufgewachsen ist, wird bei vielen Alltagsszenen, die die Regisseurin konsequent und respektvoll abbildet, wohl wissend schmunzeln. Wem diese transnationalen Reibungspunkte fremd oder nur ansatzweise ein Begriff sind, der sollte sich „The Farewell“ nicht entgehen lassen. Selten wurde ein multikultureller Grenzgang so authentisch, herzlich und nachvollziehbar porträtiert.

Veröffentlichung: ab dem 17. April 2020 als Blu-Ray und DVD. Im Test hatte Filmfreax die Blu-Ray.

Bildformat: 2,40:1 (1080p/24) | Tonformat: DTS-HD 5.1 | Sprachen: Deutsch, Englisch/Mandarin | Untertitel: Deutsch, Englisch

Filmfreax-Heimkino-Wertung
5 / 5

Bildquellen

  • Beitragsbild: © Universum Film

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