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Nicht erst seit Sam Mendes‘ oscarprämiertem Kriegsdrama „1917“ ist unter Filmfans der One-Take ein Begriff. Schon 2015 stellte sich Regisseur Sebastian Schipper („Absolute Giganten“, „Roads“) der Herausforderung, einen abendfüllenden Spielfilm in nur einem Take und einer Kamera-Einstellung zu drehen. Herausgekommen ist der so bemerkenswerte wie treibende Thriller „Victoria“, in dem sich die deutschen Shootingstars Frederick Lau und Franz Rogowski auf eine Hatz durch die Straßen Berlins begeben. Während Sam Mendes mit ein paar gekonnt kaschierten Schnitten trickste, drehte Schipper seinen Film tatsächlich in einem Rutsch durch. Zwar brauchte das Team insgesamt drei Anläufe, aber letztlich kam „Victoria“ ganz ohne Schnitte aus. Nun schickt sich das Team um Nachwuchsregisseur Tim Dünschede und Drehbuchautorin Anil Kizilbuga an, in diese Fußstapfen zu treten. „Limbo“ ist Dünschedes Diplomfilm für seinen Abschluss an der HFF München (Hochschule für Fernsehen und Film).

Handlung: Die junge Compliance-Managerin Ana (Elisa Schlott) deckt bei ihrem Arbeitgeber ein Geldwäsche-Netzwerk auf. Als sie das Gespräch mit ihrem Vorgesetzten Frank Mailing (Mathias Herrmann) sucht, führt sie das auf einen illegalen Bare-Knuckle-Fight in einer stillgelegten Lagerhalle. Dort kreuzen sich die Wege von Ana, dem Undercover-Ermittler Carsten (Tilman Strauß), Kleingangster Ozzy (Martin Semmelrogge) und dem österreichischen Kartellchef „Wiener“ (Christian Strasser).

Nimmt man sich eines solchen Projekts und einer derartig unkonventionellen Machart an, darf man sich freilich nicht eines Vergleichs zu ähnlichen Filmen verwehren. Zumal mit Sebastian Schippers „Victoria“ schon ein Streifen existiert, der hierzulande geflissentlich als One-Take-Referenzwerk bezeichnet werden kann. Im direkten Vergleich hat „Limbo“ allerdings in vielerlei Hinsicht das Nachsehen. Selbstredend ist es eine inszenatorische und koordinative Meisterleistung, ein solch konzertiertes Stück Film auf Zelluloid zu bannen. Hier haben die jungen Filmschaffenden ganze Arbeit geleistet und ein minutiös koordiniertes Stück Film gedreht. Allerdings offenbaren sich die ersten Schwächen dann, wenn „Limbo“ die weitläufige Räumlichkeit fehlt. Wurden für „Victoria“ zumindest ein paar Straßen gesperrt und die Story so angelegt, dass sie sich über mehrere Schauplätze erstreckt, beschränkt sich Dünschedes Erzählung in erster Linie auf die stillgelegte Fabrikhalle. Zwar verleiht das dem Film einen theaterartigen Charakter, zeigt aber vor allem die finanziellen Grenzen einer solchen Nachwuchsarbeit auf. Die Figuren hautnah in ihrer gewohnten Umgebung zu erleben, sie an Orte zu begleiten, die man selbst kennt, ist selbstredend authentischer und nachvollziehbarer als ein illegaler Bare-Knuckle-Fight, initiiert von einem Gangsterboss mit österreichischem Akzent.

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One-Take mit eigenem Stil  

Attestieren muss man den Nachwuchsfilmemachern aber insofern Ideenreichtum, als dass sie einen leicht anderen Weg einschlagen als Sebastian Schipper. Dünschede und Kizilbuga hatten zwar offensichtlich nicht die Mittel, um ihre Erzählung weitläufiger zu gestalten, nehmen sich aber stattdessen die Freiheit, sich mit der Kamera nicht ausschließlich an einen Charakter oder eine ganze Gruppe zu heften. Vielmehr folgen sie verschiedene Figuren im Wechsel. Ist es zu Beginn noch die eifrige Managerin Ana, die man als Zuschauer begleitet, verfolgt man später übergangslos dem verdeckten Ermittler Carsten und klebt virtuell irgendwann an den Fersen von Kleinganove Ozzy. Zugegebenermaßen hat das einen gewissen Reiz, stellt gleichzeitig aber auch die größte Krux des Films dar. Dieser Perspektivenwechsel sorgt nämlich dafür, dass man nur schwerlich Zugang zu den Protagonisten findet. Es fehlen die Nähe und die Intensität, die Sebastian Schipper in seinem Werk konsequent zu erzeugen weiß. Und die schafft der niedersächsische Regisseur, weil er seine Charaktere nicht aus den Augen lässt und so zwischen Publikum und Antihelden eine unmittelbare Intimität erschafft, die seinen Film nicht nur zu einem Erlebnis, sondern den Zuschauer auch quasi zum Komplizen macht.

Schipper gelingt es, durch die One-Shot-Technik das ganze Szenario so greifbar zu machen, dass man wirklich das Gefühl hat, dabei zu sein. Und das vollbringt er so gekonnt, dass man als Zuschauer irgendwann gar nicht mehr darauf achtet, dieser unkonventionellen Art des Filmemachens beizuwohnen. Man ist in kürzester Zeit mittendrin statt nur dabei. Diese Sogkraft fehlt „Limbo“, auch wenn Regisseur und Drehbuchautorin alles tun, um ihren Film ebenso zu einem realistischen Echtzeit-Event zu machen. Dass es Dünschede nicht im selben Maße glückt, bei aller visuellen Nähe die emotionale Distanz zu seinen Figuren zu überwinden, ist allerdings nicht den erfahrenen Darstellern anzulasten, sondern eher den Charakterzeichnungen. Ob es nun Ozzy oder der „Wiener“ ist: Sowohl Proto- als auch Antagonisten wirken teilweise zu überzeichnet, zu übertrieben, als dass man sie in einem realistischen Szenario erwarten würde. Auch das trägt dazu bei, dem Werk eine Atmosphäre zu bescheren, die eher an ein Bühnenstück denn an filmischen Erlebnispark erinnert.

„Limbo“: Die Light-Version von „Victoria“

Bei allen erkennbaren Ambitionen machen all diese Aspekte „Limbo“ bestenfalls zu einer Light-Version von „Victoria“, und wirkt der Film letztlich eher wie eine Demonstration des Machbaren. Was bleibt, ist ein Korruptions-Thriller, der zumindest streckenweise mitreißt und Hoffnung darauf macht, dass in absehbarer Zukunft mehr mutige junge Filmschaffende hierzulande den Weg in die Branche finden, die leider immer noch vom dogmatischen Filmförderungsansatz bestimmt ist und sich nur selten traut, gewagtere Projekte zu unterstützen.

2,5 / 5

Kinostart: 20. Februar 2020

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