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Mit seinem kammerspielartigen Psycho-Horror „It comes at Night“ hat Regisseur Trey Edward Shults bereits ein Händchen für die Darstellung menschlicher Abgründe bewiesen. War es in seinem Grusel-Thriller noch eine apokalyptische Ausnahmesituation, präsentiert der Filmemacher mit „Waves“ nun ein realistischeres Familiendrama. Dass Shults besonders für authentische familiäre Konflikte eine feine Beobachtungsgabe an den Tag legt, zeigte allerdings schon sein Spielfilmdebüt „Krisha“. Für das packende Psychogramm holte er sowohl seine Tante Krisha als auch Mutter Robyn Fairchild vor die Kamera. In seinem dramatischen Erstling von 2015 ist es eine zurückgekehrte Mutter, die mit ihrer Präsenz das familiäre Gefüge so auf den Kopf stellt, dass zum geplanten Thanksgiving-Essen die ohnehin schon angespannte Situation vollends eskaliert. „Krisha“ basiert auf Shults‘ gleichnamigen Kurzfilm, in den er schon autobiografische Züge miteinfließen ließ. Die Langfilmversion heimste 2015 nicht nur den Grand Jury Prize und den Publikumspreis beim SXSW (South by Southwest Festival) ein, sondern schlug im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes so hohe Wellen, dass das Label A24 den Verleih in den USA übernahm und sich der Regisseur noch auf dem Festival einen Vertrag über mehrere Werke sicherte.

Handlung: Unter der so dominanten wie großzügigen Hand von Vater Ronald (Sterling K. Brown) wachsen Sohn Tyler (Kelvin Harrison Jr.) und Tochter Emily (Taylor Russell) wohlbehütet auf. Als gelassenerer Gegenpol fungiert Stiefmutter Catherine (Renée Elise Goldsberry). Tyler soll an der Landesmeisterschaft im Ringen teilnehmen und sich damit ein Stipendium für die Uni sichern. Allerdings verschweigt der 18-Jährige eine dringende Schulter-OP und führt gegen den ärztlichen Rat seinen Sport weiter aus. Die Verletzung ist nur der Anfang eines mentalen und physischen Absturzes, der schließlich in eine Tragödie mündet. Eine Tragödie, die die Einheit der wohlhabenden afroamerikanischen Familie auf eine harte Probe stellt.

Terrence Malick lässt grüßen

Spricht man von der Inszenierung, dann lässt sich der Einfluss Terrence Malicks nicht leugnen, begleitete Shults doch als Praktikant Werke wie „The Tree of Life“ und „Song to Song“. Die Bildsprache seines Mentors ist zwar zweifelsohne zu erkennen, allerdings ergeht sich der Regisseur nicht in bedeutungsschwangeren und sperrigen Kunstprojekten, sondern findet dort die richtige Abzweigung, wo Malick sich oftmals heillos verfährt. Wenn Shults in 360-Grad-Schwenks das Geschehen einfängt, den Protagonisten in fast schon hypnotischen Bildern durchs Nachtleben streifen lässt oder seinen Figuren mit der Kamera geradezu unerbittlich nahekommt, dann hat dieses Vorgehen immer Methode. Parallel dazu versteht sich Shults aber auch im geradlinigen und konsistenten Storytelling. Wie schon in „Krisha“ führt der Autor behutsam in seine Welt ein, treibt seine Geschichte dennoch konsequent voran und erschafft eine so aufgeheizte Stimmung, die sich erst gemächlich aufbaut, sich dann aber bis zum Bersten aufbläht. Der markante Score von Trent Reznor und Atticus Ross, ihres Zeichens Ikonen des Industrial-Rock-Projekts Nine Inch Nails und 2010 Oscar-Gewinner für ihre Arbeit an David Finchers „The Social Network“, trägt zur Sogkraft der dramatischen Erzählung maßgeblich bei.  

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Mit Kelvin Harrison Jr. (“Mudbound“, „Assassination Nation“) hat der Filmemacher allerdings auch einen Darsteller verpflichtet, der die Verzweiflung des Jugendlichen grandios zu transportieren weiß. Wie sich Tyler zwischen dem im Grunde wohlwollenden Anspruchsdenken seines Vaters, sportlichem Ehrgeiz und privaten Querelen regelrecht aufreibt, ist in aller Konsequenz schmerzlich mitanzusehen. In tragischer Beharrlichkeit schafft sich der Protagonist in einen Abwärtsstrudel, der letztlich die ganze Familie in die Tiefe der Hilflosigkeit reißt. In Shults‘ Erzählung ist der Titel Programm: Schlechte Zeiten kommen wellenartig, über manche surft man hinweg, andere werfen einen unkontrolliert aus der Bahn. Und manche sind so gewaltige Wogen, dass sie ganze Infrastrukturen zerstören können.

Ein angenehm unkonventionelles Indie-Drama

Nun wäre „Waves“ aber kein Drama aus dem Hause A24, wenn es nicht an irgendeiner Stelle zumindest ein bisschen unkonventionell wäre. Dem wird der Regisseur aber sowohl mit der Inszenierung als auch mit seinem Storytelling gerecht. Shults rahmt beispielsweise diesen bestimmten Akt, der alles verändert und das Familiengefüge auf die härteste Probe seiner bisherigen Existenz stellt, ins gedrängte 4:3-Format ein. Womit er zum einen den Tunnelblick seines strauchelnden Protagonisten zeigt und zum anderen die emotionale Enge, den noch weiter zusammengeschrumpften familiären Mikrokosmos. Aus dem Rahmen fällt aber auch die Erzählweise spätestens dann, wenn der Regisseur und Drehbuchautor nach dem tragischen Ereignis den Fokus auf Tylers Schwester Emily richtet und ausführlich ihr Leben und ihren Umgang mit der Tragödie beleuchtet. Eine Figur, die bis dahin lediglich eine Nebenrolle spielt und mit der man in dieser dramaturgischen Breite nicht wirklich rechnet – auch wenn sie den Film einleitet. Aber es ist genau dieses nonkonformistische und mutige Verständnis vom Filmemachen, mit dem sich A24 von anderen Studios abgrenzt, es jedoch nicht im Arthaus-Stil übertreibt und damit wohlwissend die Nische zwischen Indie-Film und Blockbuster-Kino bedient.

„Waves“ ist ein beunruhigendes Auf und Ab der Gefühle, eine tragische Parabel auf familiäre Gezeiten, eine verstörende und ebenso versöhnliche Familienanalyse – und schließlich auch Trey Edward Shults‘ bislang gleichgewichtigstes Werk. Denn bei aller Tragik und Dramatik endet Shults‘ eindringliches Psychogramm nicht mit einem Knall, sondern lediglich mit der Erkenntnis, dass das Leben ein Kreislauf ist – und diese Wellen immer wieder kommen können.

5 / 5

Kinostart: 16. Juli 2020      

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  • Beitragsbild: © A24

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