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Mitte der 2000er avancierte Schauspielerin Great Gerwig mit ihren Auftritten in Filmen wie „LOL“ und „Yeast“ zu einem wichtigen Gesicht der Mumblecore-Bewegung – dem Subgenre des Independent-Films, das sich durch improvisierte Dialoge, Laienschauspieler und Realitätsnähe auszeichnet. Der Name dieser filmischen Gattung geht auf Tontechniker Eric Masunaga zurück, der mit Regisseur Andrew Bujalski („Funny Ha Ha“) zusammengearbeitet und den Begriff aufgrund der Tatsache geprägt hat, dass die Qualität der Tonspur in derartigen Low-Budget-Produktionen oft vernachlässigt wird – und die Dialoge dann meist nur noch als „mumble“, also Genuschel wahrzunehmen sind.

Größere Bekanntheit konnte Greta Gerwig an der Seite von Ben Stiller in Noah Baumbachs Tragikomödie „Greenberg“ erlangen. Der „Marriage Story“-Regisseur besetzte sie zwei Jahre später als Hauptdarstellerin in seinem Independent-Streifen „Frances Ha“ und schickte die gebürtige Kalifornierin in elegischen Schwarz-Weiß-Bildern und mit einer gehörigen Portion Fremdscham-Potenzial auf Sinnsuche durch die Straßen New Yorks. Mit „Lady Bird“ machte die Schauspielerin schließlich als Regisseurin von sich reden. Ihre erste eigene Regiearbeit bescherte ihr 2018 zwei Oscarnominierungen. Nur zwei Jahre später verpflichtete sie erneut Darstellerin Saoirse Ronan, um sie diesmal in eine Coming-of-Age-Geschichte Mitte des 19. Jahrhunderts zu berufen. Stolze sechs Nominierungen hat „Little Women“ für die Oscarverleihung 2020 eingeheimst.

Handlung: Zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs versuchen die vier Schwestern Meg, Jo, Beth und Amy ihren Platz im Leben zu finden. Von den ungleichen Schwestern stört sich vor allem die eigensinnige Jo an der Rolle der Frau und der Ehe als ökonomischem Modell, während besonders Meg der Einhaltung damaliger Konventionen und den traditionellen Geschlechterrollen zugetan ist. Doch die Einstellung jedes Mädchens wird immer wieder auf die Probe gestellt.  

Die Geschichte zu Greta Gerwigs Historiendrama ist allerdings nicht neu. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Louisa May Alcott, wurde „Little Women“ bereits mehrfach adaptiert. Die erste US-Verfilmung präsentierte Katharine Hepburn als Hauptdarstellerin, „Betty und ihre Schwestern“ hingegen glänzte mit Namen wie Winona Ryder, Kirsten Dunst, Claire Danes und Christian Bale. Für ihre Interpretation hat sich die Regisseurin Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh und Eliza Scanlen ins Boot geholt, flankiert von Timothée Chalamet, Laura Dern und Meryl Streep. Und die Besetzung liefert hier ganz großes Kino ab.

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH / Wilson Webb

Gegen die Konventionen

Wenn sich Ronan als burschikose Schriftstellerin Jo den bestehenden gesellschaftlichen Konventionen entgegenstemmt und sich im Gespräch mit einem Verleger dagegen wehrt, ihre Hauptfigur an der Blaupause des damaligen Frauenbilds auszurichten, hat das zwar durchaus etwas Komisches, macht durch Ronan aber auch die gesamte Tragik darin greifbar. Der geneigte Misogyniker wird wahrscheinlich versucht sein, „Little Women“ in aller Konsequenz Feminismus zu unterstellen. Doch diesen Vorwurf entkräftet Gerwig spätestens mit ihren männlichen Figuren. Megs Ehemann John (James Norton) beispielsweise gibt unumwunden zu, dass er den gewünschten Lebensstil seiner Gattin nicht finanzieren kann und auch nie können wird. Laurie (Timothée Chalamet) kann zweifelsohne als das genaue Gegenteil des zielstrebigen und selbstbewussten jungen Mannes gewertet werden, der ein klares Bild seiner Zukunft vor Augen hat. Und dessen wohlhabender Vater Mr. Laurence (Chris Cooper), der immer noch am Verlust seiner Frau zu knabbern hat, gibt sich alles andere als patriarchalisch. Gerwig prangert also nicht nur das damals herrschende Frauenbild an, sondern räumt gleich mit beiden traditionellen Geschlechterrollen auf. Der Mann ist nicht zwangsläufig schwach, nur weil er nicht dem stereotypen Bild des allein verantwortlichen Ernährers, des zielstrebigen Karrieristen oder des emotional abgebrühten Familienoberhauptes entspricht. Im Gegenteil: Gerwig entbindet ihre männlichen Protagonisten dieses althergebrachten Rollenbilds, ohne sie bloßzustellen oder abzuwerten – und gesteht ihnen Stärke zu, indem sie sie emotional und empathisch zeichnet.

Einzig Meryl Streep als rabiate und brutal ehrliche Tante March verkörpert und verteidigt die traditionelle Rolle der Frau und das damals bewährte Beziehungs- und Ernährungsmodell. Grundsätzlich sind in Gerwigs liebenswertem Historiendrama alle Rollen goldrichtig besetzt – und die Oscarnominierungen für Saoirse Ronan und Florence Pugh als beste Darstellerin beziehungsweise beste Nebendarstellerin folgerichtig und hochverdient.

Ein wichtiges Plädoyer

Nun könnte man der Regisseurin sicherlich vorwerfen, zu gefällig mit ihren Idealvorstellungen hausieren zu gehen. Wenn etwa die vier Schwestern im wahrsten Sinne des Wortes ihr Brot mit einer armen Familie teilen, dafür von ihrem wohlhabenden Nachbarn umgehend mit einem üppig gedeckten Abendtisch und süßen Kuchen bedacht werden, ist das vielleicht doch ein bisschen zu viel der Romantik. Wer aber in Zeiten von Metoo-Debatten und Werbeclips, die einem wahre Männlichkeit erklären wollen, ein so wichtiges und herzliches Plädoyer gegen klischierte Geschlechterrollen und –stereotype auf die Leinwand bringt, dem sei ein bisschen Zuckerguss gegönnt. Vor allem dann, wenn die Regisseurin es so gekonnt bebildert und es mit Leichtigkeit schafft, den Zuschauer in ihr cineastisches Universum zu ziehen.

4 / 5

Kinostart: 30. Januar 2020

Bildquellen

  • Beitragsbild: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH / Wilson Webb

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