In den späten 1950er- und 1960er-Jahren formierte sich eine französische Filmbewegung, die sich gegen das traditionelle, kommerzielle Kino stemmte und die Abnabelung von Literaturadaptionen propagierte. Die Regisseure sollten wieder mehr eigene Stoffe entwickeln, sich am gesamten Schaffensprozess ihrer Filme beteiligen und sich von der eingefahrenen und vorhersehbaren Erzählweise des klassischen Kinos abwenden. Filmschaffende wie François Truffaut, Claude Chabrol, Jean-Luc Godard und Eric Rohmer gelten als Wegbereiter und Ikonen der Nouvelle Vague – der Bewegung, die sich daran machte, das französische Autorenkino zu revolutionieren. Regisseure sollten wieder einen engeren Bezug zu ihren Werken haben, ihnen den eigenen Stempel aufdrücken. Das äußerte sich schließlich auch im künstlerischen Aspekt. Die Filmemacher nahmen sich die Freiheit, mit handlichen Kameras und leichtem Tongerät zu hantieren, ihren Streifen einen dokumentarischen Charakter zu verleihen und sich damit inszenatorisch und erzählerisch vom biederen kommerziellen Kino loszusagen.

An der Seite von Jean-Paul Belmondo in Jean-Luc Godards „Außer Atem“ avancierte die amerikanische Schauspielerin Jean Seberg zur Ikone der Nouvelle Vague. Ihren Einstand feierte die Darstellerin als Jeanne d’Arc in Bernard Shaws „Die heilige Johanna“. Der österreichische Regisseur Otto Preminger hatte die US-Amerikanerin entdeckt und sie wegen ihrer Ausdrucksstärke und natürlichen Aura für diese Rolle besetzt. Es folgten Arbeiten mit Claude Chabrol, das Western-Musical „Westwärts zieht der Wind“ mit Clint Eastwood und Lee Marvin, und schließlich überzeugte die charismatische Charaktermimin im kommerziell erfolgreichen Thriller „Airport“ neben Stars wie Dean Martin, Burt Lancaster und Jacqueline Bisset. Mit Frankreich hatte Seberg aber nicht nur eine berufliche Verbindung. 1958 heiratete sie den Anwalt François Moreuil, der mitunter für das Drehbuch zu „Brennende Haut“ verantwortlich zeichnete, ließ sich aber nur zwei Jahre später von ihm scheiden. 1962 ehelichte sie den Schriftsteller und Regisseur Romain Gary, den Vater des gemeinsamen Sohnes Diego. In ihrer Heimat geriet Seberg in die Schlagzeilen, als sie öffentlich mit der Black-Power-Bewegung sympathisierte und mit deren Aktivist Hakim Abdullah Jamal eine Affäre einging. Durch ihre Verbindung zu den schwarzen Revolutionären der Black Panther geriet sie schließlich ins Visier des FBI, das eine Schmutzkampagne gegen die die Darstellerin initiierte.

Handlung: Der junge FBI-Agent Jack Solomon (Jack O’Connell) wird mit der Überwachung der Schauspielerin Jean Seberg (Kristen Stewart) beauftragt, die durch ihre Nähe zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung und die Affäre mit Aktivist Hakim Jamal (Anthony Mackie) ins Fadenkreuz des Geheimdienstes genommen wurde. Doch je skrupelloser die Beschattungen ausfallen, desto mehr hadert Solomon mit seinem Gewissen.

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„Jean Seberg“: Keine Künstlerbiografie

So viel muss vorab gesagt sein: Wer ein ausführliches Biopic über Jean Seberg erwartet, wird sicherlich enttäuscht sein. Regisseur Benedict Andrews („Una und Ray“) macht keinen Hehl daraus, ausschließlich die Geschehnisse rund um die Black-Power-Affäre zu behandeln. Ohne Umschweife platziert er die Protagonistin mitten in die umstrittene Bürgerrechtsbewegung und macht damit deutlich, worum es in den folgenden 103 Minuten gehen wird. Das künstlerische Schaffen und Sebergs Bedeutung für die Nouvelle Vague werden bestenfalls stichwortartig gestreift und eher pflichtbewusst abgehakt. Gerade zweimal sieht man Seberg tatsächlich am Set, wobei eine dieser Szenen bereits als eindringliche Eingangssequenz dient. Selbstredend böte der Werdegang der Darstellerin genügend Material für ein fundiertes und umfangreiches Porträt der Künstlerin. Aber diese bestimmte Lebensphase stellt in der Biografie Sebergs gewissermaßen die spannendste und politisch relevanteste dar. Sicherlich kann man darüber streiten, ob es einer so wichtigen und schließlich auch tragischen Figur der europäischen und amerikanischen Filmhistorie gerecht wird, wenn man sich nur einen Teil ihrer Lebensgeschichte herauspickt und sie auf einen generischen Hollywood-Thriller reduziert. Aber zumindest wählt Andrews für sein Quasi-Biopic einen anderen Ansatz und sticht damit aus den herkömmlichen Künstlerbiografien heraus.

Seinen grandiosen Darstellern ist es zu verdanken, dass diese biografische Krimigeschichte letztlich doch funktioniert. Bezeichnenderweise hat „Seberg“ seine stärksten Momente dann, wenn Kristen Stewart auf Anthony Mackie trifft oder von Hakim Jamals Frau (Zazie Beetz) angegangen wird, als diese von der Affäre ihres Mannes erfährt. Unterschlagen werden dürfen aber auch nicht die anderen Nebendarsteller. Vince Vaughn spielt in der Rolle des FBI-Agenten Carl Kowalski als Jack Solomons erzkonservativer und skrupelloser Gegenpart überzeugend auf. Selbstredend lässt sich nur schwer sagen, welche fiktiven Figuren und Ereignisse der Dramaturgie wegen hinzugefügt wurden.

Biopic-Fragment als Agententhriller

Was bleibt, ist zwar lediglich die oberflächliche Rekonstruktion einer politisch brisanten amerikanischen Epoche und ist bestenfalls als fragmentarischer Auszug einer interessanten Künstlerbiografie zu verstehen – funktioniert dafür aber als spannender Agententhriller und mitreißendes Psychogramm. Kristen Stewart brilliert in „Jean Seberg“ als Schauspiel-Ikone, die sich wachsender Paranoia ausgesetzt fühlt und durch die Machenschaften des „Big Brothers“ nachhaltig gebrochen wird.

Jean Seberg verstarb am 30. August 1979 – die Umstände ihres Todes gelten bis heute als ungeklärt.

3,5 / 5

Kinostart: 26. März 2020

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