© SquareOne Entertainment

Schon in „Ich seh, ich seh“ versetzten Veronika Franz und Severin Fiala ihre Protagonisten in einen emotionalen Ausnahmezustand. Produziert und mitgeschrieben von Ausnahme-Regisseur Ulrich Seidl, weichten die Filmemacher nicht nur die Grenzen zwischen Drama, Mystery und Horror immer weiter auf, sondern auch die Trennlinie zwischen Realität und Fantasie – um ihre Erzählung schließlich in ein deftiges „Funny Games“-Finale münden zu lassen. Als übergreifendes Motiv immer präsent: das Thema Glaube. Für seinen zweiten Langfilm „The Lodge“ rührt das österreichische Regieduo erneut dieselben Zutaten an. Am 25. Januar 2019 feierte das Werk im Rahmen des Sundance Film Festivals seine Premiere und fungierte beim Fantasy Filmfest 2019 als Eröffnungsfilm.

Handlung: Ein halbes Jahr nach einem familiären Schicksalsschlag hält es Vater Richard (Richard Armitage) für eine gute Idee, mit Sohn Aidan (Jaeden Martell) und Tochter Mia (Lia McHugh) einen mehrtägigen Ausflug in die abgelegene Familien-Lodge zu unternehmen. Mit dabei soll allerdings Richards neue Partnerin Grace (Riley Keough) sein. Der überforderte Vater wünscht sich, dass seine Kinder endlich eine vernünftige Beziehung zur neuen Freundin aufbauen. Als Richard berufsbedingt nach Hause zurückkehren muss und das Geschwisterpaar mit dem neuen Familienmitglied eingeschneit wird, eskaliert die Situation.

„The Lodge“: „Ich seh, ich seh“ Reloaded

War es in „Ich seh, ich seh“ noch die vermeintlich leibliche Mutter, die mit der Skepsis und Ablehnung ihrer traumatisierten Kinder kämpft, ist es in „The Lodge“ die ungeliebte und potenzielle Stiefmutter, die sich um ein friedlicheres Zusammenleben bemüht. Da sie aber offensichtlich selbst ein Trauma erlitten hat, wird schnell deutlich, dass der Vater seine Familie auf ein emotionales Pulverfass setzt. Man kann jetzt natürlich kritisieren – was Kritiker auch schon getan haben –, dass die Prämisse unlogisch wäre und ein treusorgender Vater seinen Kindern solchen Druck nicht aufbürden würde. So weit hergeholt scheint die Ausgangssituation allerdings nicht zu sein, wenn man bedenkt, dass es oft genug Elternteile gibt, die den Drang nach Selbstfindung auf dem Rücken ihrer Kinder ausleben und die Akzeptanz des neuen Partners erzwingen wollen. Und ja, man kann es auch als völlig absurd bezeichnen, wenn der Vater ausgerechnet seiner ohnehin schon psychisch labilen Lebensgefährtin „zur Sicherheit“ einen geladenen Revolver in die Hand drückt. Wohlgemerkt in der ländlichen Abgeschiedenheit, wo Gefahren von außen eher nicht die Regel sein sollten. Sieht man über dieses genrebedingte Logikverdrehen zu Gunsten der Dramaturgie hinweg, bekommt man einen über weite Strecken packenden Psychothriller serviert, der sich trotz der Horror- und Mystery-Anleihen die gesamte Laufzeit überraschend treu bleibt.

Wie es Franz und Fiala in ihrem Erstlingswerk schon getan haben, spielen sie auch in ihrem neuen Skript geschickt mit der Täter-Opfer-Rolle, gehen beim Thema Religiosität allerdings ein ganzes Stück weiter. Im sensiblen Spannungsfeld zwischen christlichem Glauben und Extremismus entspinnt sich ein so bedrückendes wie gefährliches Kammerspiel, das mit jeder weiteren Minute zu eskalieren droht. Dass das so gut funktioniert und auch glaubhaft vorgetragen wird, ist in erster Linie den talentierten Darstellern zu verdanken. Jaeden Martell, bekannt aus der Neuauflage des King-Klassikers „ES“, und vor allem Lia McHugh („Eternals“, „American Woman“) sorgen gleich zu Beginn dafür, dass man die Traumata der Kinder problemlos nachvollziehen kann. In nur wenigen Minuten und ebenso wenigen Einstellungen werden in emotionaler Drastik die seelischen Narben sichtbar, die vor allem McHugh grandios darzustellen weiß. Nicht minder überzeugend agiert Model und Elvis-Presley-Enkelin Riley Keough („Logan Lucky“, „Under the Silver Lake“), die sich schon 2010 im Biopic-Drama „The Runaways“ an der Seite von Kristen Stewart und Dakota Fanning verdingen durfte.

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Künstlerisch ein Schritt nach vorne

Das österreichische Regie- und Autorenduo bebildert die emotionale Fallhöhe seiner Charaktere aber auch sehr gekonnt. Waren es in „Ich seh, ich seh“ noch das sonnige, dörfliche Landleben und ein modern-steriles Haus, bieten in „The Lodge“ nun die weiße Winterlandschaft und ein dunkles hölzernes Anwesen die kontrastreiche Kulisse für ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel, in dem es eigentlich keinen Gewinner geben und die Schuldfrage kaum beantwortet werden kann. Wer ist Täter? Wer ist Opfer? Und wer ist hier der Sünder?

Vor allem bei den Innenaufnahmen werden gewissermaßen ein paar „Hereditary“-Vibes spürbar, wobei diese Konnotation wohl eher auf die Puppenhäuser zurückzuführen ist, die in beiden Filmen Verwendung finden. In Ari Asters Horrorschocker ungleich mehr als in „The Lodge“. Der amerikanisch-britischen Produktion – gedreht wurde in Kanada – merkt man aber auch den höheren künstlerischen Anspruch im Gegensatz zum ersten Werk an. Mit zehnmal so vielen Leuten wie in Österreich und drei- bis vierfach so viel Budget mehr, soll laut der beiden Filmemacher die Arbeit aber auch eine andere gewesen sein. Dass „The Lodge“ so eine adäquate Bildsprache aufweist, liegt vermutlich zu einem großen Teil an Kameramann Thimios Bakatakis, der lange mit Yorgos Lanthimos („The Lobster“, „The Killing of a sacred Deer“) zusammengearbeitet und auch die Verbindung zu Alicia Silverstone hergestellt hat, die in „The Lodge“ zwar nur eine Nebenrolle spielt, die aber als Grundpfeiler der gesamten Erzählung dient.

Keine Genre-Revolution, aber solide Thriller-Kost

Wer einen schonungslosen Psychothriller sehen möchte, der hier und da sicherlich ein bisschen vorhersehbar, dafür aber im passenden Maß von Horrorelementen durchsetzt, stark bebildert ist und vor allem durch die stark aufspielenden Schauspieler getragen wird, der kann mit „The Lodge“ nicht viel falsch machen.

Filmfreax-Wertung
3,5 / 5

Bildquellen

  • Beitragsbild: © SquareOne Entertainment

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