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Nach seinem zweimaligen Einsatz für das Agenten-Franchise „James Bond“ („Skyfall“, „Spectre“) hat sich Regisseur Sam Mendes an einen Kriegsfilm gewagt. „1917“ ist allerdings nicht sein erster Ausflug in dieses anspruchsvolle Genre. Schon 2005 hat Mendes mit dem so drastischen wie schonungslosen „Jarhead – Willkommen im Dreck“ seine Expertise auf dem Feld des Antikriegsfilms bewiesen. Diesmal hat der Regisseur jedoch nicht den Zweiten Golfkrieg um Diktator Saddam Hussein thematisiert, sondern den Ersten Weltkrieg. Was beide Filme aber gemeinsam haben, ist ihre reale Grundlage. Basiert „Jarhead“ auf dem autobiografischen Bericht des Scharfschützen und heutigen Journalisten und Buchautors Anthony Swofford, greift Mendes für sein neuestes Werk auf Erinnerungen seines Großvaters zurück. Der hat nämlich nicht nur im Ersten Weltkrieg gedient, sondern wurde durch diesen auch traumatisiert. „1917“ ist zwar nicht die autobiografische Verwertung dessen Lebens, dafür aber der Auslöser für die Entscheidung des Regisseurs, diesen Film zu verwirklichen. Nicht umsonst hat Mendes sein neuestes Werk seinem Großvater gewidmet.

Handlung: Die beiden britischen Soldaten Schofield und Blake werden mit einer heiklen Mission betraut. Sie sollen feindliches Gebiet durchqueren, um einer anderen Division die Nachricht zu überbringen, von einem geplanten Angriff abzusehen – um sie vor einem Hinterhalt der Deutschen zu bewahren. Das Tragische daran: Blakes Bruder gehört dieser Kompanie an.

„1917“: Ein perfekt orchestriertes Meisterwerk

Noch mehr als in „Jarhead“ oder Genrevertretern wie „Der Soldat James Ryan“ und Christopher Nolans „Dunkirk“, setzt der oscarprämierte Filmemacher auf eine über die Maßen authentische Darstellung, um den Schrecken des Krieges greifbar und erlebbar zu machen. Das gelingt ihm vor allem mit der oft erwähnten One-Shot-Technik, die den Film wie aus einem einzigen Take erscheinen lässt. Selbstredend wurde an einigen Stellen geschnitten, aber Mendes macht das handwerklich so geschickt, dass man die fließenden Übergänge kaum wahrnimmt. Schnitte gibt es tatsächlich nur wenige, die einzelnen Plansequenzen sind jeweils zwischen acht und zehn Minuten lang, die längste gar elf Minuten. Dass dieser dokumentarische Stil so gut funktioniert, so vereinnahmend ist und diese immense Sogkraft entwickelt, liegt einzig und allein am cineastischen Verständnis des Regisseurs und dem kinematografischen Horizont, den der Filmemacher spätestens mit diesem Werk an den Tag legt. Die Kamera ist nah dran an den Protagonisten, wenn es um ein Abbild deren Gefühlswelt geht, lässt die Hauptfiguren zu gegebenem Zeitpunkt aber auch klein und unbedeutend wirken, wenn in bedrückenden Totalen die gnadenlose Zerstörung und vor allem der Tod in all seiner Grausamkeit eingefangen wird.

Spricht man über das audiovisuelle Kunstwerk, das „1917“ zweifelsohne geworden ist, darf auch nicht das Setdesign verschwiegen werden. Die Kulisse, die Production-Designer Dennis Gassner („Blade Runner 2049“) hier bereitgestellt hat, könnte monumentaler nicht sein. Mendes schickt seine Helden beinahe in Echtzeit auf ein Himmelfahrtskommando durch imposante Trümmerlandschaften und Kriegsschauplätze, lässt sie durch Schlamm waten, in Schützengräben rennen und vor brennenden Ruinen erstarren.

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Inszenatorisch überhöht – aber auch emotional ausgehöhlt?

Dass diese stets dominante Inszenierung zu einem Problem werden kann, haben bereits einige Zuschauer geäußert. Es wird kritisiert, dass der technische Aspekt die emotionale Komponente bisweilen aufweicht, wenn nicht sogar aushöhlt. Was aber wahrscheinlich eine Sache der individuellen Wahrnehmung ist. Denn Mendes versäumt es nicht, seine Hauptfiguren menschlich zu zeichnen und ihnen eine facettenreiche Gefühlspalette angedeihen zu lassen. Ob andere Darsteller in dieser Hinsicht etwas geändert hätte, kann nur gemutmaßt werden. Der Regisseur verzichtet für seine Hauptrollen auf allzu bekannte Hollywood-Größen und fährt lediglich in den Nebenrollen namhafte Schauspieler auf. Dean-Charles Chapman („The King“, „Game of Thrones“) und George MacKay („Captain Fantastic“) erbringen in diesem Quasi-Echtzeit-Epos vor allem physisch einen wahren Kraftakt, während Traumfabrik-Stars wie Colin Firth, Benedict Cumberbatch und Mark Strong lediglich in Nebenrollen ihr Können unter Beweis stellen. Auch wenn deren Charaktere mehr oder wenige als wichtige Eckpfeiler auf der nahezu aussichtlosen Odyssee der Hauptfiguren fungieren.

Schafft man es als Zuschauer aber, sich nicht ausschließlich auf die meisterhafte Inszenierung zu fokussieren – was durchaus möglich ist –, sich auf dieses monumentale Werk einzulassen und dem zweifelsfrei vorhandenen Sog zu ergeben, erlebt man eine emotionale und bildkompositorische Achterbahnfahrt in epischer Breite.

Neue Hoffnung fürs Hollywood-Kino

Was Sam Mendes mit „1917“ abliefert, ist nicht nur aufgrund seiner perfekt orchestrierten Inszenierung und seiner emotionalen Intensität ein großes Werk, das man unbedingt auf der großen Leinwand gesehen und gewürdigt haben sollte. Neben Filmen wie „Le Mans 66“, „Joker“ oder „Once upon a Time… in Hollywood“ zeigt das Kriegsepos in aller Deutlichkeit, dass handgemachtes beeindruckendes Kino zwischen Comic-Universen und einfallslosen CGI-Gewittern definitiv noch existiert. Den Golden Globe für das beste Drama und die beste Regie konnte Mendes bereits einheimsen, die zehnfache Nominierung für den Oscar darf ebenso als verdient betrachtet werden. Sollte der Filmemacher für seine Regiearbeit mit dem Goldjungen bedacht werden, wäre es 20 Jahre nach „American Beauty“ sein zweiter Oscar.

Filmfreax-Wertung
4,5 / 5

Kinostart: 16. Januar 2020

Bildquellen

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