© 2019 Twentieth Century Fox

Es wird gemunkelt, dass 20th Century Fox‘ Übernahme durch Disney dafür verantwortlich ist, dass das Creature-Feature „Underwater“ erst jetzt in die Lichtspielhäuser gelangt ist. Satte 71 Milliarden US-Dollar hat der der Maus-Konzern für große Teile des Medienunternehmens hingelegt. Ob Disney das Vertrauen in William Eubanks („The Signal“) neuestes Werk gefehlt und die Vermarktung nach der Übernahme maßgeblich ausgebremst hat, sei mal dahingestellt. Zumindest scheint das Unterhaltungs-Imperium ein eher durchwachsenes Medienecho erwartet zu haben – denn Pressevorführungen gab es bundesweit keine.

Handlung: Norah (Kristen Stewart) ist als Maschinenbauerin auf einer Unterwasserbohrinsel tätig. Als ihre Arbeitsstätte aus unbekannten Gründen plötzlich geflutet wird, beginnt für die Technikerin ein nervenaufreibender Überlebenskampf. Mit einer kleinen Crew rund um Captain Lucien (Vincent Cassel) versuchen die Überlebenden nun, zu einer benachbarten Station zu gelangen, um sich von dort mit Rettungskapseln abzusetzen. Doch in der Dunkelheit des Meeres lauern Gefahren, mit denen sie nicht gerechnet haben.

„Underwater“: Ein erzählerisches und inszenatorisches Debakel

Wenn Norah mit der Zahnbürste im Mund ihrem Körperpflegeritual nachgeht und aus dem Off nachdenkliche Sätze fallen lässt, schürt Regisseur William Eubank zunächst die Erwartungshaltung an eine Erzählung mit einer gewissen Portion Tiefgang. Leider entpuppt sich diese Annahme allzu schnell als Trugschluss. Dass Eubank, der auch als Drehbuchautor verantwortlich zeichnet, nach dieser viel zu kurzen Einführung umgehend der Action freien Lauf lässt, darf als erster kapitaler Fehler verbucht werden. An sich ist gegen solch einen temporeichen und unvermittelten Einstieg erst mal nichts einzuwenden. Nur versäumt es der Filmemacher in dieser Konsequenz, seine Figuren ordentlich einzuführen, zu charakterisieren und ihnen eine Vorgeschichte zu gönnen. Vom Ripley-Verschnitt Norah bis hin zu Kapitän Lucien bleiben alle Protagonisten blass, nichtssagend und wirken bestenfalls wie klischierte Abziehbilder. Eubank lässt es schlicht und ergreifend an Liebe und Leidenschaft für seine Helden missen, was sich letztlich auch in der gesamten Inszenierung äußert.

Bis man zum ersten Mal eine Kreatur zu Gesicht bekommt, hat das Drehbuch den Zuschauer mit einer gefühlt endlosen und über weite Strecken ermüdenden „Tour de Agua“ bereits verloren. Vom schrecklich zähen Skript kann das schreckliche Unterwassermonster einfach nicht ablenken. Hätte sich der Autor wenigstens Zeit dafür genommen, vereinnahmende und charismatische Figuren zu zeichnen, statt allzu verwässerte Möchtegern-Sympathieträger ins Rennen zu schicken, wäre die schleppende Erzählung vielleicht noch zu retten gewesen. Sich einzig und allein auf die Strahlkraft seiner Stars zu verlassen, ist jedenfalls ein gewagtes Unterfangen. Aber zumindest eine Qualität kann man Eubank attestieren: Er hat die zweifelhafte Gabe, selbst das Talent von solch gestandenen Akteuren wie Stewart und Cassel in dem von ihm kreierten luftleeren Raum gnadenlos verpuffen zu lassen. Muss man auch erst mal schaffen. Seiner Hauptdarstellerin ein Umstyling zu verpassen und sie durchnässt und streckenweise knapp bekleidet über die Leinwand hüpfen zu lassen, sollte nicht der einzige Verdienst eines künstlerischen Leiters sein. Dass er seine Heldin scheinbar allzu gern in theatralischen Totalen und Nahaufnahmen zeigt oder sie in sinnfrei platzierter Slo-Mo immer wieder durch Luft und Wasser katapultiert, kann man ihm ebenso als ungelenke Schauwerte unterstellen.

© 2019 Twentieth Century Fox

„Underwater“: Zahnlose Monster-Action

Nun könnte man unter diesen katastrophalen Umständen noch auf eine fein animierte Kreatur als letzten Rettungsanker hoffen. Aber selbst hier versagt der Regisseur, wenn auch nicht auf ganzer Linie. Zugegeben, teilweise sieht es schon recht ordentlich aus, was Eubank unter Wasser kreuchen und fleuchen lässt. Aber zu oft lässt sich auch hier eine unbeholfene Inszenierung ausmachen. Wenn das lang erwartete Ungetüm endlich auftaucht, zerschnippelt es der Filmemacher entweder bis zur Unkenntlichkeit oder kaschiert es zu oft mit der Dunkelheit des Meeres. Bekommt man es dann endlich länger zu Gesicht, bleibt der Schrecken ob des verhunzten Drehbuchs und der Qual bis dorthin fast gänzlich aus. Selbst die spärlich platzierten Jump-Scares können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Skript in seiner gesamten Bedeutungs- und Ideenlosigkeit schlicht nicht funktioniert.

Mehr Substanz hat „Underwater“ unter dem Strich auch nicht. Darüber kann auch die mit einem Satz halbherzig erwähnte Umweltausbeutungskritik am Homo sapien nicht hinwegtäuschen. Die Handvoll Ideen, die womöglich Potenzial gehabt hätten, werden von den Wassermassen umgehend weggetrieben. Wenn Captain Lucien etwa das Alter seiner Tochter vermeintlich falsch in Erinnerung hat, hegt man irgendwie die stille Hoffnung, dass die Crew in der klaustrophobischen Enge bald am Rad dreht und sich – in Kombination mit der Gefahr von außen – ein psychologisch verstörendes Kammerspiel entwickelt. Paul W.S. Anderson hat seinerzeit mit „Event Horizon“ schonungslos gezeigt, wie solch eine bedrückende und bedrohliche Atmosphäre erschaffen wird. Eubank hingegen macht auch diesem Ansatz leider gar nichts – und hält stattdessen stur an seiner leblosen Mainstream-Monster-Geschichte fest.

Das ganze handwerkliche Dilemma offenbart sich spätestens zum Finale, wenn sich der Filmemacher noch irgendwie bemüht, das Ruder herumzureißen. Aber auch dieser Versuch kann geflissentlich als gescheitert betrachtet werden. Wieso versucht der Regisseur erst kurz vor Schluss, seinen Figuren ein bisschen Profil zu verleihen? Was letztlich bleibt, ist ein zahnloses und seelenloses Creature-Feature, das es getrost als Direct-to-DVD-Release getan hätte – und die Gewissheit, dass William Eubank weder ein Christopher Nolan noch ein Denis Villeneuve ist.

Filmfreax-Wertung
2 / 5

Kinostart: 09. Januar 2020

Bildquellen

  • Beitragsbild: © 2019 Twentieth Century Fox

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