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Mit „Lovely Rita“ feierte die österreichische Regisseurin Jessica Hausner 2001 beim Filmfestival von Cannes nicht nur Weltpremiere, sondern auch ihr Langfilmdebüt und präsentierte dort drei Jahre später das Nachfolgewerk „Hotel“. Nach „Lourdes“, mit dem sie 2009 auf dem Filmfestival von Venedig den Fipresci-Preis ergattern konnte, nahm sie erneut an Cannes‘ Un Certain Regard teil, der Sektion des Filmfestivals, die Werke fördert, welche für den Hauptwettbewerb als zu „untypisch“ gewertet werden. Hausners dort gezeigtes Historiendrama „Amour Fou“ brachte der Regisseurin schließlich ihren ersten Österreichischen Filmpreis für das Beste Drehbuch ein. Die satirische Dystopie „Little Joe“ bescherte der Filmemacherin zuletzt die Teilnahme am Hauptwettbewerb in Cannes – und schickte sie damit auch ins Rennen um die Goldene Palme.

Alice Woodard (Emily Beecham) ist alleinstehende Mutter und als Forscherin und Pflanzenzüchterin tätig. Bei Planthouse Biotechnologies ist sie federführend für die Entwicklung der neuen Pflanze „Little Joe“ verantwortlich, die gezüchtet wird, um Menschen glücklicher zu machen. Oxytocin-Pollen sollen dafür sorgen, dass sich der Mensch wohler fühlt. Doch spätestens dann, als sie an ihrem Sohn Joe (Kit Connor) und Kollegen Chris (Ben Wishaw) befremdliche charakterliche Veränderungen feststellt, zweifelt sie an der positiven Wirkung ihrer Schöpfung.

„Little Joe“: Dystopische Satire im märchenhaften Setting

Es hat geradezu einen märchenhaften Charakter, wie Jessica Hausner ihr Universum pastellfarben auskleidet: die purpurrote Pflanze, die mintgrüne Arbeitskleidung, weiches Gelb in der Kücheneinrichtung. Die Bilder wirken auf Anhieb so stimmungsvoll wie merkwürdig, dass man als Zuschauer nicht anders kann, als eine gesunde Grundskepsis an den Tag zu legen. Das Gewächshaus, in dem die für Glückseligkeit gezüchtete Pflanze wächst und gedeiht, suggeriert eine fast schon surreale Ordnung. Unordnung findet hier keinen Platz, ebenso wenig wie extreme Gefühlsregungen. Wenn „Little Joe“ augenscheinlich eine Wirkung erzielt, sich das Umfeld der Botanikerin auf sonderbare Weise verändert, hat das fast schon Züge eines „Die Körperfresser kommen“. In Philip Kaufmans Horrorfilm von 1978 ist es Donald Sutherland, der einen außerirdischen Mikroorganismus unter die Lupe nimmt und sich mit befremdlichen zwischenmenschlichen Absonderlichkeiten konfrontiert sieht. Die zumindest in Ansätzen vorhandene Behaglichkeit wandelt sich in Hausners Werk schnell ins genaue Gegenteil. Ebenso bedrohlich gibt sich der Score von Markus Binder, der auf Arbeiten des 1982 verstorbenen japanischen Musik-Avantgardisten Teiji Ito basiert. Tinnituspiepen, Flötentremolos, elektronischer Soundbrei, markerschütterndes Knallen und asiatische Klassikklänge können auf den ersten Blick hier und da zwar deplatziert und überstilisiert wirken – haben aber immer System und sorgen unaufhörlich für ein unterschwellig schwelendes Unbehagen. Letztlich ist „Little Joe“ aber wesentlich mehr als nur ein Mystery-Thriller.

© COOP99, The Bureau, Essential Films

Satire, Familiendrama und Sozialkritik

Wenn die anfangs so vielversprechende Pflanze immer weiter um sich greift, überschreitet Hausner gekonnt Genregrenzen. Dass man als nicht der „Norm“ entsprechend entlarvt wird, wenn man sich nicht der blumigen Glückseligkeit hingibt, die in der Forschungseinrichtung zu grassieren scheint, zeigt sich spätestens an der zweifelnden Kollegin, die wegen ihrer Depressionen von Kollegen und Vorgesetzten ungeniert stigmatisiert wird. Die Regisseurin schafft es spielend, den Zuschauer in die missliche Lage der zwischen den Stühlen sitzenden Alice hineinzuversetzen und ihn zweifeln und sich fragen zu lassen, an welchem Punkt Selbstfindung aufhört und Egoismus anfängt. Ist Alice‘ Sohn schon von „Little Joe“ beeinflusst oder zeigt er lediglich pubertäres Verhalten? Rechtfertigt kollektive Euphorie rigorose Schelte für jegliche Skepsis? Wer ist „normal“ und wer nicht? Hausner spiegelt diesen konträren Wahnsinn gekonnt mit Paradoxa wider: Ein Antidepressivum, das auf einer Pflanzenausstellung seine Markteinführung feiern soll. Eine Wissenschaftlerin, die sich so kontrolliert, kalkuliert, sachlich und zufrieden gibt, trotzdem aber zur Psychotherapie geht.

Bei diesen sozialkritischen Tönen belässt es die Filmemacherin aber nicht und holt stattdessen unbeirrt und auf clevere Weise zur Ohrfeige für Forschung und Pharmaindustrie aus. Dass durch die Blume und unter dem Deckmantel der Botanik eiskalt Genmanipulation betrieben wird, darf zweifelsohne als Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung einer Branche verstanden werden, die als ebenso undurchschaubar wie skrupellos gilt. Hausner bringt eine Vielzahl von Themen auf den Tisch, verwebt diese aber vor allem deswegen so homogen miteinander, weil sie für ihre Erzählung den goldrichtigen Schauplatz wählt.

Kubrick lässt grüßen

Es hat schon was von einem Stanley Kubrick, wie Jessica Hausner den Zuschauer in ihre seltsam sortierte und eigentümliche „Pastell-Welt“ entführt und ihm durchweg ein so blümerantes Gefühl vermittelt. Dass das so gut funktioniert, liegt nicht zuletzt an den Darstellern, die in ihrer verschrobenen Art die Story maßgeblich mittragen. Nicht umsonst wurde Emily Beecham für ihre Rolle als verunsicherte Mutter und Forscherin bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Hausners erstes englischsprachiges Werk mag in seiner Inszenierung nicht immer so subtil sein, wie es für eine derartige dystopische Satire wünschenswert gewesen wäre. „Little Joe“ ist aber sowohl in der Bildsprache als auch in seiner thematischen Brisanz vor allem eins: beunruhigend schön und schön beunruhigend.

Filmfreax-Wertung
4,5 / 5

Kinostart: 09. Januar 2020

Bildquellen

  • Beitragsbild: © COOP99, The Bureau, Essential Films

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