© 2019 Netflix

Regisseur Noah Baumbach („Frances Ha“, „Greenberg“) veröffentlicht mit „Marriage Story“ sein neuestes Werk. Zwar wurde der Film kurz ins Kino gebracht, um bei den namhaften Preisverleihungen berücksichtigt zu werden, doch der breiten Masse wurde das intensive Scheidungsdrama erst am 05. Dezember 2019 ein Begriff – als die Netflix-Produktion auf dem hauseigenen Streaming-Portal an den Start ging. Dass die oft gescholtenen Streifen der Kalifornier mittlerweile an Qualität zulegen, liegt nicht zuletzt an den prominenten Filmemachern, die das Unternehmen mehr und mehr für sich gewinnen kann. Baumbach hat für den Streaming-Dienst bereits die mit Stars besetzte Tragikomödie „The Meyerowitz Stories“ inszeniert, Martin Scorsese hat sich mit seinem Mafia-Drama „The Irishman“ zu seinem Standeskollegen gesellt. Unter Kritikern wird schon seit geraumer Zeit gepredigt, dass die Streaming-Dienste das klassische Kino in Zukunft nachhaltig prägen werden – und die Nominierungen bei den Golden Globes und den Oscars sprechen eine deutliche Sprache. Man denke nur an die Auszeichnungen für Alfonso Cuaróns Schwarz-Weiß-Drama „Roma“ im Jahre 2018.

„Marriage Story“: Viel mehr als nur ein Drama

Was Baumbach mit seinen vorangegangen Werken bereits angedeutet hat, wird in „Marriage Story“ konsequent weiterentwickelt. Schickte er in „Frances Ha“ seine Protagonistin noch auf Sinn- und Jobsuche, die durch viel humorvolle Fremdscham geprägt ist, gibt sich „Marriage Story“ thematisch wesentlich erwachsener. Mit feiner Klinge seziert der Regisseur nicht nur eine gescheiterte Ehe, sondern in aller Konsequenz auch zwei Egos. Wenn Baumbach zunächst sanft in die Erzählung einsteigt und die Hauptfiguren aus dem Off die Vorzüge ihres Partners aufsagen lässt, kann man sich als Zuschauer kaum vorstellen, welche Konflikte in den vier Wänden des angesehenen Paars der New Yorker Theaterszene wirklich brodeln. Erst langsam entblättern sich die Probleme, Empfindungen und Befindlichkeiten, die so drastisch wie authentisch in Szene gesetzt werden, dass es beim Zuschauen einfach nur schmerzt. Baumbach schafft es außerdem ein ums andere Mal die Stimmung in einer adäquaten und ausdrucksstarken Bildsprache zu formulieren. Wenn das strauchelnde Paar etwa gemeinsam U-Bahn fährt, packt Kameramann Robbie Ryan diese distanzierte Szenerie in eine bedrückende Totale. Oder er porträtiert die Figuren in gnadenlosen Nahaufnahmen so ungeschönt, dass man geradezu mit ihnen leidet.

© 2019 Netflix / Wilson Webb

Dass das alles so gut funktioniert, ist aber vor allem Adam Driver und Scarlett Johansson zu verdanken, die hier gefühlt die besten Leistungen ihrer Karrieren abliefern. Während Driver im Vatersein allzu rührig aufgeht, entlarvt sich der beliebte Off-Broadway-Regisseur mit zunehmender Spielzeit immer mehr als verkappter Narziss, dem es gehörig an Selbstreflexion mangelt – so sympathisch er auch wirken mag. Und Johansson drängt es immer mehr danach, aus ihrer Rolle als Anhängsel auszubrechen und aus dem Schatten ihres Mannes herauszutreten. Ein Kampf, den sie spätestens dann unbewusst auf dem Rücken des gemeinsamen Sohnes austrägt, als sie mit ihm in die Heimat nach L.A. zurückkehrt und die Scheidung ins Rollen bringt. Baumbach erzählt diesen Rosenkrieg aber so klug austariert, dass man sich als Zuschauer kaum auf eine Seite schlagen kann.

Wenn der Druck von außen kommt

Richtig stark wird das intensive Scheidungsdrama aber dann, wenn sich familiäre Einwirkungen bemerkbar machen, Anwälte auf den Plan gerufen oder in einer völlig absurden Szene die Lebensumstände des Sohnes beim pendelnden Vater begutachtet werden. „Marriage Story“ bleibt dann glücklicherweise kein reines Drama, sondern schlägt so satirisch gekonnt sozialkritische Töne an, dass man über diese bitterbösen humorvollen Ausschläge tatsächlich lachen kann. Wenn Ray Liotta, Altstar Alan Alda und Laura Dern als blutleckende Anwälte in Erscheinung treten, mit ihrer eigenen Verbitterung nicht hinterm Berg halten und juristisch die Krallen ausfahren, hat das fast schon was von einer Advokaten-Posse. Laura Dern wurde nicht umsonst mit dem diesjährigen Golden Globe für ihre grandiose Darbietung ausgezeichnet. Es dauert jedenfalls nicht lange, bis sich das scheidende Paar in der Tretmühle des Familienrechts wiederfindet und von allen Seiten dazu gedrängt wird, Fakten zu schaffen. Was nicht nur ihren Charakteren widerstrebt, sondern vor allem ihrem Verständnis eines vernünftigen Umgangs. Aber die Klauen der Juristen sind nun mal kräftig.

Kein Hochglanzmelodram, dafür Independent-Charme

Was sich schon in der Erzählung offenkundig ausdrückt, schlägt sich auch in der Inszenierung nieder. Dass Baumbach und Kameramann Robbie Ryan auf 35mm-Film setzen, verleiht dem Film einen leicht körnigen und ungesättigten Look, der weit von Hollywoods Hochglanzproduktionen entfernt ist und eher an Independent-Movies erinnert – womit sich der Regisseur im Grunde treu bleibt. Dass die Filmemacher auf Digitaltechnik verzichten und stattdessen auf Zelluloid schwören, war aber auch im Fall von „Marriage Story“ eine bewusste Entscheidung. Mit dem natürlichen Bild wird die so traurige wie bittersüße Story noch greifbarer und authentischer. Und letztlich ist es Randy Newmans Score, der stellenweise romantisch-verklärte Traumfabrik-Nostalgie versprüht und dafür sorgt, dass der Film trotz Independent-Charme im besten Sinne zum klassischen Hollywood-Meisterwerk erklärt werden darf.

Filmfreax-Wertung
5 / 5

Filmstart: seit dem 05. Dezember 2019 auf Netflix

Bildquellen

  • Beitragsbild: © 2019 Netflix / Wilson Webb

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