Mit dem Kinostart von „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ begeht die legendäre Skywalker-Saga aktuell ihren Ausstand. Die Stimmen überschlagen sich, die Meinungen gehen auseinander. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches und insbesondere bei einem so beliebten Franchise alles andere als verwunderlich. Am deutlichsten zu vernehmen sind jedoch die Fans, die sich enttäuscht zeigen – und das auch lauthals äußern. Ich bin dem Unmut auf den Grund gegangen.

Was macht „Star Wars“ so interessant?

Mit 43 gehöre auch ich zu den Fans, die die Urtrilogie geliebt und gefeiert haben. Selbst nach so vielen Jahrzehnten kann ich die Begeisterung und Magie noch förmlich greifen, als ich die Filme zum ersten Mal gesehen habe. Obi-Wan Kenobi, Luke Skywalker, Han Solo, Chewbacca – das waren unsere Helden, die uns immer und immer wieder in ferne Galaxien geführt und für anderthalb Stunden an den Fernseher gefesselt haben. Und mit welch einer Inbrunst haben wir die entscheidenden Szenen nachgespielt! Da fielen ganz dramatisch Sweatshirts zu Boden, wenn wir den heldenhaften Abgang von Obi-Wan rekonstruierten, Panik brach aus, wenn sich die Wände der imaginären Müllpresse auf uns zubewegten, und heroisch hievten wir uns vom Sandkasten auf die Rutsche, wenn wir in letzter Sekunde der Grube von Carkoon entkamen. Und natürlich nervten wir unsere Eltern, wenn der heimelige Spielwarenladen in unserer Kleinstadt die Actionfiguren im Schaufenster präsentierte.

Lando Calrissian (Billy Dee Williams) in STAR WARS: THE RISE OF SKYWALKER. / © 2019 The Walt Disney Company

Erinnern kann ich mich allerdings nicht an Erwachsene, die uns als schwachsinnig abstempelten, wenn wir mal wieder unserer Leidenschaft frönten. Erinnern kann ich mich auch nicht an verbitterte Hobby-Filmkritiker, die uns detailreich Schwächen im Drehbuch erklärten, vermeintliche Absichten George Lucas‘ in den Raum stellten oder mit todernster Miene den Untergang des popkulturellen Abendlandes propagierten. Warum? Weil sie selbst noch Kinder oder nur unwesentlich älter waren. Ja, Kinder.

Es waren die Raumschiffe, die Lichtschwerter, die intergalaktischen Bösewichte, die Helden und die knuffigen Sidekicks, die uns Film für Film abholten. Es war das klassische Gut-gegen-Böse-Motiv, das wir verstanden und nachvollziehen konnten. Wir scherten uns nicht um Plot-Holes, zerpflückten keine Drehbücher und forderten keine Rücktritte von gestandenen Regisseuren. Wir waren einfach froh, dass uns jemand diese fantastischen Welten eröffnete, dass wir die Möglichkeit bekamen, in cineastische Universen abzutauchen, in weit entfernte Galaxien vorzudringen und die Realität mal für zwei Stunden komplett auszublenden. Es stand auch keiner neben uns und machte uns das madig.

Kult vs. Kindheit

Natürlich kann man über schwächelnde Scripts diskutieren, und vielleicht muss man in der heutigen Zeit die Marktmacht eines gigantischen Film-Imperiums kritisch beäugen. Aber muss man sich bei alldem nicht auch mal selbst hinterfragen? Hört man sich die Aussagen vieler selbsternannter Fans an, könnte man den Eindruck haben, sie hätten mit dem Kauf dreier Filme automatisch ein Mitspracherecht am gesamten Franchise und ganz nebenbei auch noch Einblicke in die kreativen Absichten und das Seelenleben von Regisseuren und Drehbuchautoren erworben. Aber nur, weil mich ein bestimmtes Franchise in der Kindheit begeistern konnte, heißt das noch lange nicht, dass es zwingend mit mir erwachsen werden muss. Es hat schon seinen Grund, dass die „Star Wars“-Reihe nie über eine FSK-Freigabe über 12 Jahre hinausgekommen ist.

Und seien wir mal ehrlich: War „Star Wars“ jemals mehr als eine Space-Opera, die alle möglichen klassischen Elemente verwurstete? Da gab es den Krieg zwischen Gut und Böse, es gab den hadernden Helden, und es huschten mit den Ewoks kleine, putzige Gefährten über die Leinwand, lange bevor man an Jar Jar Binks oder die Porgs dachte. Drollige, lustig piepsende Androiden hat es in der Reihe von Beginn an gegeben, die eine oder andere humorvolle Slapstick-Einlage ebenso. All diese Elemente haben die beiden Trilogien, die dem „Urwerk“ folgten, auch. Hochkomplexe Handlungsstränge und wahnsinnig überraschende Plot-Twists hat es doch nie gegeben. Und das hat auch seinen Grund. Wir reden hier nämlich von Sci-Fi-Filmen, die schon immer den Mainstream bedient haben – und nicht von Arthouse-Kino, das sich hohen Anspruch auf die Fahnen geschrieben hat und den Zuschauer über alle Maßen geistig fordert.

Rey (Daisy Ridley) in STAR WARS: THE RISE OF SKYWALKER / © 2019 The Walt Disney Company

Aber woher kommt nun diese Erwartungshaltung? Der Duden erklärt das Wort „Fan“ mit „begeisterter Anhänger, begeisterte Anhängerin von jemandem, etwas“. Aber jeder wird sicherlich wissen, dass es sich vom englischen „fanatic“ ableitet – also fanatisch. Wikipedia spricht dabei gar von „eifernd, sich rücksichtlos einsetzend“ und bringt zudem den lateinischen Fanaticus an, der „von der Gottheit ergriffen, in rasende Begeisterung versetzt“ wird. Vermutlich sind es die alteingesessenen Fans, die aus einer simplen Erzählung mehr gemacht haben, als es George Lucas seinerzeit wohl jemals beabsichtigt hatte und absehen konnte. Der Jedi-Kult wurde von Menschen gemacht.

Nun zeichnet sich kultische Verehrung nicht gerade durch Objektivität und Gelassenheit aus. Und das erkennt man zweifelsohne an den Reaktionen der „Star Wars“-Fans, die scheinbar allzu leicht auf die Barrikaden gehen, wenn man ihrem Kult zu nahe kommt. Das musste sogar George Lucas am eigenen Leib erfahren, als er in „Episode I – Die dunkle Bedrohung“ Midi-Chlorianer als biologische Erklärung für die Macht ins Spiel brachte. Übrigens ist es J.J. Abrams zu verdanken, dass diese wissenschaftliche Theorie in der finalen Trilogie geflissentlich ignoriert wurde.

Regisseur J.J. Abrams zu „Star Wars: Das Erwachen der Macht“

Mit geradezu gnadenloser Schelte wurde Rian Johnson bedacht, als er es wagte, den Jedi-Kult zu entmystifizieren und ihn auf den Prüfstand zu stellen – und damit eigentlich das machte, was die Fans sich insgeheim gewünscht hatten: „Star Wars“ erwachsen werden zu lassen. Selbstredend war aber auch das kaum jemandem recht, welch Wunder… Hand aufs Herz: Hätte George Lucas die abschließende Trilogie höchstpersönlich inszeniert und tunlichst darauf geachtet, seine eigene Kreation nicht zu „beschmutzen“, wäre ihm vermutlich Ideenlosigkeit vorgeworfen worden. Und am Ende hätte man drei Trilogien erschaffen, die im Grunde identisch wären.

Ein Appell

Nicht falsch verstehen. Es liegt mir wahrlich fern, jeden Kritiker ausnahmslos in die Fanatiker-Schublade zu stecken. Aber einen kleinen Appell möchte ich an die Miesmacher und Nörgler gerne richten: Chillt mal! Weder Disney noch J.J. Abrams noch Rian Johnson haben mit ihren Filmen ein Sakrileg begangen. Im Gegenteil: Sie haben eine mitreißende Geschichte weitererzählt und sie mit den modernen technischen Möglichkeiten verwoben, um den jungen Generationen, die heute begeistert ins Kino gehen, eine ebenso magische Erfahrung zu bieten. Wer mal aus seiner eigenen cineastischen Filterblase herauskommt und die Kinder und Jugendlichen nach ihrer Meinung fragt, der wird schnell feststellen, dass auch die letzte Trilogie und insbesondere „Der Aufstieg Skywalkers“ diese speziellen magischen Momente besitzt, an denen wir uns damals ergötzt haben. Wer sich hier vehement von einer romantischen Verklärung freisprechen will, der sollte vielleicht noch mal in sich gehen. „Star Wars“ wird immer mit dieser gewissen kindlichen Sichtweise konnotiert sein, so sehr man auch versucht zu glauben, dass man sich als Erwachsener davon freimachen kann. Man kann auch einfach mal versuchen, sich in die jungen Leute hineinzuversetzen. Würdet ihr heute, mit zehn, elf, zwölf oder dreizehn Jahren, dieselben Maßstäbe ansetzen wie als Erwachsener? Sicherlich nicht. Ob ihr es glauben wollt oder nicht: Die Filme wurden nicht nur für euch gemacht. Einen „Star Wars“, der euch genauso mitreißt wie damals, bei dem ihr so empfindet wie damals, kann und wird es unter diesen Umständen nicht mehr geben. Da könnt ihr Disney noch so oft den Schwarzen Peter zuschieben wie ihr wollt. Weder ein Filmverleih noch ein Regisseur kann euch noch mal zwölf Jahre alt machen. Aber man kann mit den entsprechenden Erwartungen an einen Film herangehen.

General Leia Organa (Carrie Fisher) and Rey (Daisy Ridley) in STAR WARS: THE RISE OF SKYWALKER / © 2019 The Walt Disney Company

Es soll auch weiß Gott keinem der Mund verboten werden, wenn er berechtigte Kritik äußert und Schwächen benennt, die den Filmemachern sicherlich bewusst sind. Aber vielleicht ist es in der besinnlichen Weihnachtszeit auch einfach mal angebracht, einen Schritt zurückzutreten, sich zu entspannen, in vornehmer Zurückhaltung zu üben – und den anderen nicht mit alles vernichtender Kritik herabzusetzen, weil er sich „erdreistet“, an einem visuell opulenten Science-Fiction-Film Spaß zu haben. Filmspaß, der durchaus den Spirit von damals in sich trägt.

Wofür gehen wir denn ins Kino? Um zu staunen, zu lachen, zu weinen – und um einfach eine gute Zeit zu haben. Für mich hat es zweifelsohne funktioniert, mich mit kindlicher Gelassenheit und Begeisterungsfähigkeit in den Kinositz zu fläzen und die beeindruckenden Bilder auf mich wirken zu lassen. Und ich wünsche jedem, dass er sich diese Fähigkeit bewahrt.

Bildquellen

  • Beitragsbild: © 2019 The Walt Disney Company

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