© STUDIOCANAL

Nach „Oh Boy“ ist „Lara“ Jan-Ole Gersters zweite Spielfilm-Regiearbeit. Neben Corinna Harfouch hat der Regisseur und Drehbuchautor auch diesmal wieder Tom Schilling vor die Kamera geholt. „Lara“ wurde bereits mit mehreren Filmpreisen prämiert, darunter der „Förderpreis Neues Deutsches Kino“, der auf dem Filmfest München verliehen wird.

Die Handlung

Lara Jenkins (Corinna Harfouch) feiert ihren 60. Geburtstag. Zwar begeht sie ihren Ehrentag wie jeden anderen – mit einem Tee und einer Zigarette –, hat sich aber für den Abend etwas Besonderes vorgenommen. Ihr Sohn Viktor (Tom Schilling) ist erfolgreicher Pianist und wird seine erste eigene Komposition darbieten. Allerdings ist Lara gar nicht eingeladen…

Vorrede

Da Corinna Harfouch zu meinen deutschen Lieblingsschauspielerinnen zählt und ich Jan-Ole Gersters „Oh Boy“ schon grandios fand, war ich auf seinen neuesten Langfilm mehr als gespannt. Zumal neben den beiden Hauptdarstellern auch bekannte Akteure wie Edin Hasanovic („Nur Gott kann mich richten“, „Skylines“), Volkmar Kleinert („Das Leben der anderen“) und Mala Emde („303“) zum Cast gehören.

Die Inszenierung

Wie es Gerster schon in seinem Debüt mit pointierten Schwarz-Weiß-Bildern getan hat, setzt er auch in „Lara“ seine Hauptfigur so gekonnt in Szene, dass in wenigen Einstellungen schon so viel ausgesagt wird, dass ein weiterer Kommentar gar nicht mehr nötig ist. Wenn Lara etwa auf das hoch gehängte Plakat ihres Sohnes schaut, der sie von oben herab mustert, dann hat das eine dermaßen deutliche Ausdrucksstärke, die jedes gesprochene Wort überflüssig macht. Wobei die Dialoge hier natürlich eine wichtige Rolle spielen.

Lara (Corinna Harfouch) mit ihrem Sohn Viktor (Tom Schilling) / © STUDIOCANAL / Frederic Batier

Wenn Viktor beispielsweise mit seiner Mutter frierend im Garten sitzt und sich eine Diskussion um seine erste eigene Komposition entfacht, inszeniert der Regisseur die dysfunktionale Mutter-Sohn-Beziehung anhand dieser Situation so authentisch und greifbar, dass es einem als Zuschauer fast schon wehtut. Und dieser feine Sinn für seine Protagonisten und deren Befinden ist im Grunde in jeder Szene und jeder Einstellung zu spüren. Überhaupt schafft es Gerster, seine Hauptfigur in ihrem Charakter glaubhaft und nachvollziehbar zu zeichnen. Er zeigt in aller Deutlichkeit und psychologisch fundiert auf, weshalb Lara zu dem Menschen geworden ist, der sie heute ist. Und der Regisseur legt es auch glücklicherweise gar nicht darauf an, ihre unmögliche und unsympathische Art zu entschuldigen, indem sie am Ende in überbordender Selbsterkenntnis geläutert wirken lässt. Vielmehr schubst er sie Schritt für Schritt an die magische Grenze zur Selbsterkenntnis.

Die Story

War es in „Oh Boy“ ein junger, mit sich hadernder Studienabbrecher, der die Erwartungen seines Vaters nicht erfüllt, ziellos durchs Leben streift und sich erst mal nichts weiter als eine Tasse Kaffee wünscht, schickt der Regisseur diesmal eine pensionierte Beamtin auf einen eintägigen Selbstfindungstrip durch die Straßen Berlins.

Während Jan-Ole Gerster in seinem Spielfilmdebüt den Zuschauer aber noch in bester Independent-Movie-Manier mit allerhand skurrilen Nebenfiguren konfrontiert und mit einer gehörigen Portion Situationskomik zu begeistern weiß, steht diesmal das Drama im Vordergrund. Was man in „Oh Boy“ noch als leichtfüßig-melancholisch bezeichnen konnte, wiegt in „Lara“ wesentlich schwerer – auch wenn diese Ernsthaftigkeit vor allem zu Beginn in seiner Tonalität immer wieder lakonisch gebrochen wird. Das Thema Suizid wird zwar bestenfalls beiläufig angeschnitten und nicht wortreich kommentiert, nichtsdestotrotz aber erkennbar aufs Tapet gebracht. Hier gibt sich Gerster offensichtlich gereifter und porträtiert in dieser dysfunktionalen Eltern-Kind-Beziehung diesmal die andere Seite. Das ist zwar ebenso unterhaltsam, allerdings über weite Strecken nicht mehr so komisch wie in „Oh Boy“.

Corinna Harfouch als Lara / © STUDIOCANAL / Frederic Batier

Die Schauspieler

Corinna Harfouch kann ja mit mittlerweile 65 Jahren durchaus als Grande Dame des deutschen Films bezeichnet werden. Und was sie hier abliefert, ist gleichermaßen routiniert wie brillant. Wie sie ihre Figur mit lakonischem Humor zielgerichtet die so nötige Selbstreflexion umschiffen lässt, zwischendurch Anflüge des Haderns durchschimmern lässt, um sie letztlich vor den Scherbenhaufen ihres Handelns zu platzieren, ist mit einem Wort: grandios.

Tom Schilling, der ewige Jüngling, gibt hier den passenden Gegenpart: permanent zweifelnd, unsicher, gezeichnet von einer misslungenen Erziehung. Wie auch bei Harfouch, scheint ihm seine Rolle wie auf den Leib geschrieben zu sein.

Dieser Film könnte Dir gefallen, wenn…

… Du schon „Oh Boy“ mochtest und den Film sehen möchtest, mit dem der Regisseur den nächsten konsequenten Schritt macht. Ich persönlich hätte mir zum Finale zwar noch einen gewissen „Haneke-Moment“ gewünscht, aber da Jan-Ole Gerster für solch drastische Darstellungen nicht bekannt ist und hier eine so psychologisch fundierte, spannende und emotionale Erzählung abliefert, gehört „Lara“ für mich zu den Highlights des ausklingenden Kinojahres 2019.

Filmfreax-Wertung 4,5 / 5

Kinostart: 07. November 2019

     

Bildquellen

  • Beitragsbild: © STUDIOCANAL / Schiwago Film

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