Mit „Mein Ende. Dein Anfang.“ feiert die japanisch-deutsche Filmemacherin Mariko Minoguchi ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin. Ihre Karriere begann mit mehreren Kurzfilmen, die sie teilweise auch als Produzentin mitbetreut hat. Zusammen mit dem Schweizer Regisseur Tim Fehlbaum („Hell“) zeichnet sie sich außerdem für das Drehbuch zum Sci-Fi-Abenteuer „Haven – Above the Sky“ verantwortlich, das 2020 im Kino zu sehen sein wird.

Die Handlung

Nora (Saskia Rosendahl) und Aron (Julius Feldmeier) sind sich einig: Ihre Beziehung basiert auf der vielzitierten Liebe auf den ersten Blick. Doch was ihr Aufeinandertreffen betrifft, sind sie unterschiedlicher Meinung. Nora glaubt an Zufall, Aron an Vorherbestimmung. Als der junge Physiker aus dem Leben gerissen wird, beginnt für Nora ein neues Kapitel, das sie im Rausch des Nachtlebens in die Arme von Natan (Edin Hasanović) treibt. Doch die Trauernde ahnt nicht, in welch unheilvoller Verbindung die beiden stehen…

Vorrede

Als Fan von Dramen und Independent-Produktionen bin ich stets auf der Suche nach neuen Filmen, die diesem Genre zugeordnet werden können. Davon abgesehen stehe ich deutschen Produktionen immer offen gegenüber, auch wenn im Kino diesbezüglich wenig Abwechslung zu finden ist. Auf „Mein Ende. Dein Anfang.“ war ich zwar neugierig, hatte aber nicht allzu hohe Erwartungen.

Die Inszenierung

Was die Regie-Debütantin mit ihrem Erstling abliefert, wirkt schon verdammt routiniert. Die 1988 geborene Filmemacherin braucht sich bildkompositorisch nicht vor alteingesessenen deutschen Kollegen verstecken, findet sie doch immer die richtige Einstellung, um Protagonisten und Erzählung adäquat in Szene zu setzen. Ob das nun schon zwingend Kinoformat hat oder in den Öffentlich-Rechtlichen Fernsehanstalten besser aufgehoben wäre, ist vermutlich Ansichtssache. Mich hat Minoguchi jedenfalls davon überzeugt, dass sie für die große Leinwand das nötige Können mitbringt.

Was sich die junge Filmemacherin aber zweifelsohne attestieren lassen darf, ist ihr Mut, sich vom Einheitsbrei deutscher Produktionen abheben zu wollen. Ihre unkonventionelle Erzählweise mag zwar keine bahnbrechende Neuerfindung sein, zeigt aber eindrucksvoll, dass die nächste Generation deutscher Filmschaffender anscheinend den Spagat zwischen Arthouse und Mainstream meistern möchte. Deswegen darf es in den verknöcherten Strukturen der hiesigen Filmförderung fast schon als Wagnis bezeichnet werden, dass ein Film wie „Mein Ende. Dein Anfang.“ derartige Unterstützung erfährt – und das mit einem Drehbuch, das weder deutsch-historische noch kulturelle Referenzen vorweist.

Nora (Saskia Rosendahl) © Telepool

Die Story

Minoguchis Drehbuch ist zwar eindeutig im Drama-Genre zu verorten, bedient sich allerdings auch an Krimi- und Thriller-Elementen. Was die Geschichte so interessant, aber vor allem durchgängig spannend und fesselnd macht, ist die anachronistische Erzähltechnik. Die Regisseurin arbeitet beispielsweise mit Rückblenden, um das Kennenlernen von Nora und Aron zu schildern. Die Beziehung der beiden zeichnet sie übrigens angenehm authentisch, ohne sich in einer klischierten Darstellung zu ergehen.

Noch interessanter wird es aber, wenn Minoguchi an die Substanz ihrer Erzählung geht, mehrere Thesen gegenüberstellt und die Frage in den Raum wirft, wovon der Verlauf des eigenen Lebens abhängt. Dabei belässt sie es allerdings nicht nur bei der Glaubensfrage, ob man durch Entscheidungen Einfluss nehmen kann oder das vielzitierte Schicksal ausschlaggebend ist, sondern geht noch einen Schritt weiter. Was, wenn weder das eigene Handeln noch das Schicksal maßgeblich verantwortlich ist – und das Leben ein organischer und selbstständiger Kreislauf ist, der seinen eigenen Naturgesetzen folgt? Letzteres konstruiert die mit dem Münchner- und Bayerischen Jugendfilmpreis ausgezeichnete Regisseurin so gekonnt, dass spätestens zum Finale klar wird, dass der angewandte Anachronismus nicht nur als bloßer Schauwert fungiert. Minoguchi hat sich eingehend mit der Thematik beschäftigt – ihr Bruder ist Physiker und hat ihr anschaulich Relativitäts- und Quantentheorie nähergebracht – und war „sofort fasziniert“ vom „großen cineastischen Potenzial“. Aus diesem Potenzial hat die Regisseurin eine beeindruckende Geschichte geformt – dramatisch, mitreißend und emotional.

Natan (Edin Hasanović) © Telepool

Die Schauspieler

Mit einer intensiven und eindrucksvollen Darstellung brilliert Saskia Rosendahl („Werk ohne Autor“, „Babylon Berlin“) als trauernde Hinterbliebene, die sich traumatisiert ins Nachtleben stürzt und verzweifelt nach Antworten sucht. Julius Feldmeier („Axolotl Overkill“, „Babylon Berlin“) ergänzt das glaubhafte Pärchen mit einer nicht minder überzeugenden Leistung und gibt als angehender Physiker den Gegenpart zu Nora, die an den Zufall und nicht an Vorherbestimmung glaubt.

Ein bisschen enttäuscht war ich allerdings von Edin Hasanović („Nur Gott kann mich richten“, „You are wanted“), der mal wieder dieselbe Rolle wie üblich verkörpert und es nicht schafft, seiner Figur mehr Tiefe und Facetten zu verleihen. Das mag zu einem großen Teil vermutlich am Drehbuch liegen, wobei ich aber mittlerweile die Befürchtung habe, dass seine Schauspielkünste für komplexere Figuren nicht ausreichen – und er deshalb Opfer vom Typecasting ist.

Dieser Film könnte Dir gefallen, wenn…

… Du ein Werk sehen möchtest, das mal etwas wagt und weder die deutsche Historie noch irgendeinen anderen kulturellen Aufhänger benötigt. Mariko Minoguchi platziert sich mit ihrem Spielfilm-Regiedebüt zwischen Arthouse- und Mainstreamkino und schafft es damit, nicht nur zu unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anzuregen. Wenn diese ausgewogene Mischung aus Anspruch und Entertainment bezeichnend für die nachkommende Generation an Filmemachern ist, dann darf man vom „neuen deutschen Film“ in Zukunft noch einiges erwarten.

Filmfreax-Wertung: 4,5 / 5

Kinostart: 28. November 2019

Bildquellen

  • Beitragsbild: Liebe auf den ersten Blick: Aron (Julius Feldmeier) und Nora (Saskia Rosendahl) © Telepool

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