Man kann es fast schon als absurd bezeichnen, dass sich ein Regisseur wie Todd Phillips, der bisher vor allem für seine „Hangover“-Trilogie bekannt ist, daran versucht, eine Comic-Adaption auf ein neues Level zu hieven. Aber seit seiner ersten Komödie „Road Trip“ sind knapp 20 Jahre vergangen – genug Zeit für einen Filmemacher, um gehörig zu reifen.

Die Handlung

Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) fristet Anfang der 80er in Gotham City ein trostloses Leben. Zwischen seinem Job und der Pflege seiner alternden Mutter, träumt der Berufs-Clown vom Durchbruch als Stand-up-Comedian. Seine offenbar neurologische Erkrankung und sein wenig selbstbewusstes Wesen machen ihn allerdings immer wieder zum Opfer von Spott und tätlichen Übergriffen. Das ändert sich aber spätestens dann, als ihm ein Kollege eine Pistole zusteckt…

Vorrede

Als großen Fan von Comic-Adaptionen würde ich mich zwar nicht bezeichnen, aber wenn mir hin und wieder nach Blockbuster-Kino ist, darf es auch mal eine Superheldengeschichte mit viel CGI sein. Dass „Joker“ einen anderen Ansatz verfolgt, hat mich als Fan von Dramen aber neugierig gemacht und meine Vorfreude auf Phoenix‘ Auftritt noch gesteigert. Um mir das nicht zu nehmen, habe ich es sogar vermieden, vorab auch nur eine einzige Kritik zu lesen.

Die Inszenierung

Was Todd Phillips hier anbietet, ist schlicht und ergreifend eins: eine perfekt durchkomponierte kinematografische Meisterleistung. Unterstützt von Kameramann Lawrence Sher („Garden State“, „Godzilla II: King of the Monsters“, „Hangover 1 – 3“), setzt der Regisseur seinen Antagonisten bildgewaltig in Szene, lässt ihn tanzen und lachen, kriechen und weinen, jammern und schreien – und gießt ihn schließlich in ein wahrhaft ikonisches Monument.

© 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved / Photo Credit: Niko Tavernise

Garniert werden diese grandiosen Bilder von Komponistin Hildur Guðnadóttir, die zu jeder Einstellung und jeder Szene den passenden Ton findet. Aber es ist nicht nur der Score der isländischen Cellistin, der den Werdegang des angehenden Antagonisten so adäquat untermalt. Auch Creams „White Room“ und Gary Glitters „Rock & Roll Part 2“ sorgen dafür, dass der werdende Joker in makelloser cineastischer und brutaler Schönheit durch Gotham City wandeln kann.  

Die Story

Dass Phillips‘ Origin-Story nicht nur positive Stimmen ernten konnte, liegt vermutlich an der Erwartungshaltung, die durch die kolportierte „Andersartigkeit“ geschürt wurde. Nicht zuletzt mit der „Dark Knight“-Reihe hat DC Films bewiesen, dass es im Gegensatz zur Konkurrenz von Marvel eher für düstere Comic-Verfilmungen steht. Der Regisseur legt hier aber noch eine Schippe drauf und konstruiert mit seiner Vision des Jokers tatsächlich eine finstere Charakterstudie, die gewissermaßen ein Novum darstellt – zumindest in der Historie der bisherigen Comic-Adaptionen. Sicherlich kann man im Film, wenn man denn will, Versatzstücke eines „Taxi Driver“ oder die Tonalität eines „There will be Blood“ ausmachen. Und vermutlich kann man der Erzählung auch küchenpsychologische Schlussfolgerungen vorwerfen und damit zum Ausdruck bringen, dass „Joker“ bestenfalls als oberflächliche Charakterstudie taugt. Aber letztlich reden wir hier immer noch über eine Figur, die auf einem Comic basiert. Dementsprechend schlecht ist man beraten, wenn man diesen Film nicht im Kontext dessen sieht, was er nun mal ist – Teil eines Comic-Universums. Mehr will das Werk letztlich gar nicht sein, auch wenn es ganz offensichtlich einen anderen Weg einschlägt.

Doch das Drehbuch beschäftigt sich nicht ausnahmslos mit seiner Hauptfigur, sondern holt noch ein bisschen weiter aus, indem es sie in einer Welt platziert, die zwar in den 80er-Jahren angesiedelt ist, zweifelsohne aber als Abbild der aktuellen Lage verstanden werden darf. Da wird die Verrohung der Gesellschaft thematisiert, die Revolte des Prekariats auf den Tisch gebracht und das Gesundheitssystem kritisiert. Es brodelt nicht nur verdächtig in der Psyche der Schlüsselfigur, sondern auch im sozialen Gefüge.  

© 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved / Photo Credit: Niko Tavernise

Die Schauspieler

Was Joaquin Phoenix hier auf die Leinwand bringt, ist zweifelsohne Oscar-würdig. Das, was Heath Ledger aus dem Joker gemacht hat, war sicherlich ordentlich. Aber meiner Meinung nach – auch wenn ich mit dieser unpopulären Ansicht vermutlich allein auf weiter Flur stehe – war Ledgers Ehrung mit dem Goldjungen nicht in Gänze auf seine schauspielerische Leistung zurückzuführen, sondern auch dem Wunsch geschuldet, ihm posthum ein Denkmal zu setzen. Ledgers Joker war relativ eindimensional, während Phoenix den werdenden Superschurken greifbar und nachvollziehbar macht. Den Weg vom Mobbing-Opfer zum Bösewicht porträtiert der dreifach oscarnominierte US-Amerikaner mit einer derart drastischen und konsequenten Intensität, dass es hierfür fast schon zwingend Preise hageln muss.

Robert De Niro spielt als Late-Night-Talker gewohnt solide auf, aber auch die Nebenrollen sind glänzend besetzt. Als Arthurs Nachbarin bekommt man die deutsch-amerikanische Zazie Beetz („Deadpool 2“) zu sehen, als Mutter fungiert die routinierte Grande Dame Frances Conroy, und Brett Cullen verkörpert überzeugend Bruce Waynes Vater Thomas. Letzterer ist im Film übrigens „überraschend schmierig“ gezeichnet, wie ScreenRant erörtert, und soll damit tatsächlich näher an seiner literarischen Vorlage sein, als die meisten Comic-Fans denken.  

Dieser Film könnte Dir gefallen, wenn…

… Du endlich mal eine Comic-Verfilmung sehen willst, die sich zwar aus der Komfortzone der bunten und schillernden Superhelden-Vorlagen herauswagt, dabei aber nicht ihre Wurzeln verleugnet und mit einem grandiosen Hauptdarsteller beweist, dass unterhaltsames Mainstreamkino nicht zwingend gänzlich oberflächlich sein muss. „Joker“ ist eine meisterhaft inszenierte Antagonisten-Parabel, die für mich alles beinhaltet, was ich mir vom Kino wünsche.

Filmfreax-Wertung: 5 / 5

Kinostart: 10. Okober 2019

Bildquellen

  • Beitragsbild: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved / Photo Credit: Niko Tavernise

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.