© 2019 Koch Films

Regisseur Bong Joon-ho hat schon in einigen Genres gewildert – und das sehr erfolgreich. Mit „Parasite“, der bei den 72. Internationalen Filmfestspielen von Cannes als erster südkoreanischer Film die Goldene Palme gewonnen hat, entwirft der Filmemacher ein schwarzhumoriges, tragikomisches Sittengemälde, das stilistisch so vielschichtig ist, dass man es nur schwer greifen kann – und trotzdem überraschend homogen wirkt.

Die Handlung

Familie Kim lebt in ärmlichen Verhältnissen. Vater Gi-taek (Song Kang-ho) ist arbeitslos und hat keinen Plan, wie er Geld beschaffen kann. Die vierköpfige Familie hält sich eher schlecht als recht mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Als ein Freund Sohn Gi-u (Choi Woo-shik) als Nachhilfelehrer bei einer reichen Familie unterbringt, wittert der junge Mann seine Chance. Er nutzt die Gutgläubigkeit der naiven Mutter aus, um peu à peu den Rest der Familie als Bedienstete in das wohlhabende Haus zu bugsieren.

Vorrede

Bei den Vorankündigungen der Medien hatte ich eigentlich eine bitterböse schwarze Komödie erwartet. Bekommen habe ich allerdings einen Film, der so viel mehr ist – und vor allem als Drama funktioniert. Als Fan dieses Genres war ich natürlich umso begeisterter.

Die Inszenierung

Regisseur Bong Joon-ho hat nicht zuletzt mit seinem Monster-Horror „The Host“ gezeigt, dass er inszenatorisch hochwertiges Kino produzieren kann. Auch mit „Parasite“ beweist der Südkoreaner erneut ein Händchen für aussagekräftige Bildsprache. Alle visuellen Darstellungen haben Hand und Fuß und können vor allem eins: mit Produktionen aus der Traumfabrik locker mithalten. Und Joon-ho schafft das, ohne in überbordenden Pathos oder Klischees abzugleiten.

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Als sehr gekonnt empfand ich außerdem, wie geschickt der Regisseur hier fast schon spielerisch alle möglichen Genres streift, sich ab und zu ein bisschen länger in einem verankert, um dann doch noch mal kräftig durchzumischen. Der Film beginnt als Komödie mit feinem und geradezu dezent eingeflochtenem Humor. Etwa, wenn die Kinder feststellen, dass die Nachbarn ihr W-Lan mit einem Passwort geschützt haben und nun in der Wohnung nach einer Ecke suchen, in der sie auf ein anderes Netzwerk zugreifen können. Dann entwickelt sich der Film immer mehr zur schwarzen Komödie, entert Thriller-Gefilde und ist letztlich auch nicht darum verlegen, sich als Familien-Drama zu „outen“. Aber Joon-ho bewegt sich mit einer Selbstverständlichkeit zwischen Genre- und Autorenkino, dass ich nicht den Eindruck hatte, der Streifen wüsste nicht, was er sein wolle. Zumal er über die gesamte Spielzeit von keinem der eingeschlagenen Pfade komplett abkommt.

Die Story

Wer sich schon mal mit der Kluft zwischen Arm und Reich befasst hat oder gar die Situation in Schwellenländern kennt, der wird es zu schätzen wissen, dass Bong Joon-ho dazu die wichtigsten und folgerichtigen Fragen stellt: Wie weit würde man im Existenzkampf gehen? Und welchen Stellenwert haben Ethik und Moral, wenn es ums blanke Überleben geht? Dieses sensible Thema bearbeitet der Südkoreaner nicht nur mit viel Feingefühl, sondern auch mit der nötigen Konsequenz. Letzteres vor allem dadurch, dass er den sozialkritischen Tonfall nie ablegt.

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Wie sich Familie Kim durchkämpft, abmüht und sich immer weiter in ihrem Netz aus Lügen verheddert, ist mal komisch, mal bitter, mal traurig und auch melancholisch. Aber vor allem bleibt es eins: durchweg spannend. Was als fluffig-sympathische Komödie beginnt, zieht den Zuschauer allmählich in seinen Bann,  entwickelt immer mehr Sogkraft, entlädt seinen ganzen Druck schließlich mit einem lauten Knall – und lässt den Cineasten sprachlos in seinem Kinositz zurück.

Die Schauspieler

Was der gesamte Cast hier abliefert, ist mehr als nur routiniert. Choi Woo-shik überzeugt als junger Mann, der sich gezwungen sieht, dem stoisch wirkenden Familienoberhaupt ein Stück weit die Zügel aus der Hand zu nehmen. Park So-dam spielt als dessen gewiefte Schwester ebenso stark auf, und Jang Hye-jin beeindruckt mit ihrer Performance dadurch, dass sie nicht nur die sorgende Mutter verkörpert, sondern auch die enttäuschte Ehefrau, die trotzdem zu ihrem Mann hält.

Hervorzuheben ist allerdings Song Kang-ho. Was der Darsteller, der nie Schauspielunterricht hatte, hier auf die Leinwand bringt, ist schlichtweg grandios. Zwischen Stoizismus, Desillusion, aufkeimender Hoffnung und temporärer Begeisterungsfähigkeit, spürt man es in dem verzweifelten Familienoberhaupt fast durchweg unterschwellig brodeln. Kein Wunder, dass Regisseur Bong Joon-ho nach „The Host“, „Snowpiercer“ und „Memories of a Murder“ erneut auf die Dienste des Schauspielers vertraut.

Dieser Film könnte Dir gefallen, wenn…

… Du eine tiefgründige schwarze Komödie erleben möchtest, die sich nicht scheut, die Grenzen des Genres zu sprengen. Man darf allerdings keine Aneinanderreihung derber und blutiger Szenen erwarten, bei denen man sich permanent auf die Schenkel klopft. Denn der Film ist so viel mehr und vor allem dann bitterböse, wenn er subtilere Töne anschlägt und seinen schwarzen Humor in der Tragik selbst entfaltet. „Parasite“ ist eine Parabel auf Familie, Hoffnung und Klassenunterschiede – und dabei nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch in aller Konsequenz schonungslos.

Filmfreax-Wertung

Kinostart: 17. Oktober 2019

Bildquellen

  • Beitragsbild: © 2019 Koch Films

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