A24-Logo, „Lady Bird“-Blu-Ray

Die Filmproduktions- und Verleihfirma wurde 2012 von Daniel Katz, David Fenkel und John Hodges gegründet. Das Trio hatte allerdings schon vor A24 in der Filmbranche Erfahrungen gesammelt: Katz war Leiter der „Finanzgruppe Film“ bei Guggenheim Partners, die durch ihre Investitionen Werke wie „The Social Network“, „Zombieland“ oder die „Twilight“-Reihe ermöglicht hat. Fenkel saß im Vorsitz des Filmvertriebs Oscilloscope Laboratories, legte das Amt nach dem plötzlichen Tod seines Gründungspartners Adam Yauch (Beastie Boys) aber nieder. Und John Hodges kann in seiner Vita Tätigkeiten bei Focus Features, Big Beach Films und Michaels/Goldwyn vorweisen. Allerdings kündigte Hodges 2018 mit einem sehr allgemein gehaltenen Statement an, das von ihm mitbegründete Unternehmen verlassen zu wollen. Mittlerweile hat er sich der Film- und Fernsehproduktionsfirma Jax Media angeschlossen.


I am incredibly proud of the company we created and of the amazing team at A24 that has been integral to its success. Over the past six years I have been fortunate to work with a diverse group of talented storytellers across film and TV and look forward to continuing those collaborations in my future endeavors.

John Hodges, 2018

Seinen Namen verdankt die Indie-Schmiede David Katz, der bezüglich der Gründung eines neuen Unternehmens einen „Moment der Klarheit“ erlebte, wie er im Interview mit GQ Style verriet. Diese „Erleuchtung“ widerfuhr ihm, als er gerade Richtung Rom unterwegs war – auf einer italienischen Autobahn, der Autostrada 24.

Wofür steht A24?

Schaut man sich die Filmografie der Gesellschaft an, wird man schnell feststellen, dass sie in erster Linie und ursprünglich der Sparte Independent zuzuordnen ist. „The Lobster“, mit Colin Farrell und Rachel Weisz in den Hauptrollen, ist eine schwarze Komödie über Singles, die in Tiere verwandelt werden, wenn sie nicht innerhalb von 45 Tagen die große Liebe finden. Bei „Obvious Child“ handelt es sich um eine Komödie über Abtreibung, und Jonah Hill packt in seinem Regiedebüt „mid90s“ die Story eines heranwachsenden Jungen vor die Kulisse der Los-Angeles-Skateszene der 90er-Jahre. Allesamt keine massentauglichen Geschichten, mit denen man bei einem großen Studio vorstellig werden könnte.

Trotzdem schafft es das Label, auch kommerziell erfolgreich zu sein. Mit Colin Firth als britischem König Georg VI. in „The King’s Speech“ räumte man bei den Academy Awards 2011 vier Oscars ab: bester Film, beste Regie, bestes Originaldrehbuch und bester Hauptdarsteller. Mit Greta Gerwig, damals neben Ben Stiller in „Greenberg“ zu sehen, holte man sich zwar ein ausgesprochenes „Independent-Gesicht“ ins Boot, steht die Darstellerin doch spätestens seit „Frances Ha“ für das Subgenre Mumblecore. Aber 2018 bedachte man die Kalifornierin mit Oscar-Nominierungen für die beste Regie und das beste Originaldrehbuch – beide für ihre Arbeit an „Lady Bird“, ebenfalls aus dem Hause A24. Und 2017 heimste „Moonlight“ die Goldjungen für den besten Film, das beste adaptierte Drehbuch und den besten Nebendarsteller ein. Letzterer ist kein geringerer als Mahershala Ali, dem nur zwei Jahre später mit „Green Book“ derselbe Oscar vergönnt sein sollte.

Die Gratwanderung zwischen Independent und Mainstream

Man könnte es fast schon als spielerisch bezeichnen, wie A24 es schafft, sowohl den geneigten Cineasten als auch den Blockbuster-Fan zu überzeugen und dabei so erfolgreich zu sein, dass genug Geld in die Kassen gespült und man immer wieder bei den Oscars berücksichtigt wird. Was ist das Erfolgsrezept?

Zum einem hat das Unternehmen wohl die Gunst der Stunde genutzt: Nach unzähligen Remakes, Reboots und Comic-Adaptionen dürstet es den Zuschauer anscheinend wieder nach mehr Originalideen und Geschichten mit Substanz. Und zum anderen hat das Filmstudio die Zeichen der Zeit erkannt und nutzt nicht nur ausgiebig die modernen Kanäle – 95% des Werbe-Budgets werden in Online-Aktivitäten investiert –, sondern tut dies auch mit einfallsreichen und außergewöhnlichen Marketingstrategien.

Zu „Swiss Army Man“, einem Film, in dem Harry Potter-Darsteller Daniel Radcliffe eine Leiche spielt, die auf einer Insel gestrandet ist und permanent Blähungen hat, schickte man Pressevertretern Badetücher und Bongs. Zum Start von „Ex Machina“ – Alicia Vikander verkörpert in diesem Streifen eine künstliche Intelligenz – legte man für den durchtriebenen Roboter ein Tinder-Profil an und ließ ihn mit anderen Usern virtuell flirten, um diese dann zur Premiere zu locken. Und im Online-Shop des Labels kann der „mid90s“-Fan ein Fingerboard im Filmplakat-Design bestellen. Nicht zuletzt der hauseigene Podcast verdeutlicht, dass A24 am „Fan-Service“ gelegen ist, was die Marke zwischen all den altmodischen Filmstudios nur noch sympathischer und greifbarer macht. Man merkt dem Label einfach an, dass da Film-Nerds am Werk sein müssen.  

Experimentierfreude auf Nummer sicher

Allerdings reichen „Superhelden-Müdigkeit“ und Werbemaßnahmen alleine nicht aus, um den Erfolg des Indie-Studios zu erklären. Es sind auch die Stoffe, die A24 sowohl in seinen Produktionen als auch in den Verleihfilmen behandelt. Man setzt auf ungewöhnliche Geschichten, die vor allem bei Independent-Freunden und Genre-Kennern Anklang finden, es aber trotzdem schaffen, das Mainstream-Publikum abzuholen.

Diese Philosophie lässt sich auch bei der Auswahl der Kollaborationen beobachten. Mit Sofia Coppola („The Virgin Suicides“, „The Bling Ring“) hat man eine Filmemacherin verpflichtet, die nicht nur erfolgreiche Werke produziert, sondern dabei auch gerne mal mutig und unkonventionell vorgeht. Für den zwischen A24 und Apple eingefädelten Deal liefert die Oscarpreisträgerin die erste Auftragsarbeit ab – mit „On the Rocks“ werden Sofia Coppola und Bill Murray erstmals seit „Lost in Translation“ wieder vereint sein. Die Zusammenarbeit mit Harmony Korine („Kids“, „Spring Breakers“, „Beach Bum“) kann durchaus als ebenso bezeichnendes Beispiel dafür angeführt werden, mit wie viel Bedacht das Studio darauf setzt, „abgesichert risikofreudig“ zu sein.

Ist das cool?

Vermutlich sind es die Liebe zum Film und eine gesunde Risikobereitschaft, die Daniel Katz, David Fenkel und John Hodges zum Motto erhoben haben. Sie würden sich auf ihren Instinkt verlassen, sagte Katz im Interview mit dem Wall Street Journal und fügte an: „Die erste Frage, die wir uns immer stellen, ist: Ist das cool?“

Mit seiner Authentizität, seinem Einfallsreichtum und seiner Vielseitigkeit hat das Label zur richtigen Zeit die Traumfabrik geentert – und Hollywood gehörig aufgemischt. Und berücksichtigt man die rege Betriebsamkeit, die das Studio in seiner 55-köpfigen New Yorker Zentrale an den Tag legt, dann dürfte Hollywoods Big Playern ziemlich die Muffe gehen.   Man kann sich aber auch irgendwie an Miramax erinnert fühlen, wenn man den Werdegang von A24 betrachtet. Bob und Harvey Weinstein konnten damals mit „Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“ dem Independent-Film zum Erfolg verhelfen, ihn salonfähig und sich mit der Gratwanderung zwischen Indie und Mainstream einen Namen machen. Was aus dem einst so erfolgreichen Label geworden ist, braucht man dem versierten Filmkenner sicherlich nicht mehr zu erzählen. Man kann dem sympathischen Studio aus New York, das im Kinositz zwischen Arthaus und Blockbuster so bequem Platz genommen hat, nur wünschen, dass ihm nicht dasselbe Schicksal widerfährt.

Bildquellen

  • Beitragsbild: Foto: Stefan Schunck, Lady Bird Blu-Ray

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