Mit „Yesterday“ bringt Danny Boyle („Trainspotting“) sein neuestes Werk auf die Leinwand – und stellt eine popkulturell wichtige Frage: Was wäre, wenn es die Beatles nie gegeben hätte?

© 2019 Universal Pictures

Die Handlung

Jack (Himesh Patel) ist Musiker mit Leib und Seele, kommt mit seinen Künsten finanziell aber eher schlecht als recht durchs Leben. Aus seinem englischen Küstendorf ist er nie herausgekommen. Doch sein Leben ändert sich, als er während eines globalen Blackouts in einen Verkehrsunfall verwickelt wird. Aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, scheint alles zu sein wie vorher. Nur eins hat sich verändert: Niemand erinnert sich an die Hits der Beatles, die Band hat es nie gegeben. Jack wittert in dieser absurden Situation seine Chance – und verkauft die Songs als Eigenkompositionen. Es dauert nicht lange, bis sich der plötzliche Ruhm vor allem auf die Beziehung zu seiner besten Freundin Ellie (Lily James) auswirkt…

Vorrede

Der Trailer hatte mich schon neugierig gemacht, weswegen ich „Yesterday“ mit Spannung erwartet habe. Zwar habe ich – das muss ich leider zugeben – noch nicht alles von Danny Boyle gesehen, aber ich kann schon sagen, dass der englische Regisseur zu meinen Favoriten unter den Filmemachern zählt. Außerdem habe ich selbst mal musiziert und kann „Musikfilmen“ fast immer etwas abgewinnen.

Die Inszenierung

Dass Danny Boyle Wert auf eine authentische Kulisse gelegt hat, lässt sich an der Inszenierung leicht ablesen. Um ein Universum zu erschaffen, das das Musik-Business glaubhaft abbildet, wurde beispielsweise auf dem englischen Latitude Festival gedreht, das im Henham Park in Suffolk stattfindet. Dem Städtchen, das im Film die Heimat des Protagonisten ist. Dazu kommen noch Aufnahmen im Stadion von Wembley, im Millenium Stadium in Cardiff und in Los Angeles.

Einen der beeindruckendsten Momente entwirft der britische Filmemacher aber mit dem Gig, den Jack zum Release seines Albums spielt. Am Strand von Gorleston, mit Great Yarmouth eine der östlichsten Städte der Grafschaft Norfolk, präsentiert der Regisseur eine geradezu epische Konzertszene. Vor 6000 Fans, die ihren Star frenetisch feiern, gibt Jack einen Beatles-Song zum Besten. Welcher das ist, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Ich persönlich kann nicht anders, als Boyle eine kinematografisch mehr als solide Leistung zu attestieren. Was er abliefert – ob nun großes Stadion-Flair oder Tonstudio-Atmosphäre –, hat handwerklich und inszenatorisch stets Hand und Fuß.

Die Story

Die Prämisse der Geschichte ist natürlich eine verdammt originelle. Eine der größten Bands der Musikgeschichte aus dem Bewusstsein der Menschheit zu streichen, bietet eine wunderbare Vorlage für viele komische Momente – die der Film in Fülle zu nutzen weiß. Ob der Protagonist verzweifelt mit seinen Freunden spricht, Google bemüht oder krampfhaft versucht, sich die Songtexte der Beatles ins Gedächtnis zu rufen. All diese Momente haben einen wunderbar „dezent-komischen“ Charakter, der sich wie ein roter Faden durch den Streifen zieht.

Das Gesamtwerk von John, Paul, George und Ringo muss man zwar nicht zwingend kennen, aber es ist definitiv hilfreich, ein wenig Musikwissen mitzubringen, um die vielen popkulturellen Referenzen zu verstehen. Ob das bei jüngeren Zuschauern der Fall ist, lasse ich mal dahingestellt. Aber die meisten werden, je nach Alter, ohnehin mit den Schultern zucken, wenn es um die Beatles geht. Für die ist der Film vermutlich auch nicht gemacht.

Trotzdem gehe ich davon aus, dass bewusst nicht das komplette Lebenswerk der Beatles thematisiert und nicht weiter in die Tiefe gegangen wurde. Bedenkt man den anderen Handlungsstrang – die Love-Story zwischen Jack und Ellie –, dann wollte man das Ganze vermutlich nicht als reinen „Fan-Service“ verstanden wissen und vielleicht doch den einen oder anderen jüngeren Zuschauer abholen.

Es sollte aber auch gesagt sein, dass das Drehbuch von Richard Curtis („Tatsächlich Liebe“) stammt, der eher für gefällige „Liebes-Komödien“ steht. Aber ich finde, dass der Autor eine ausgewogene Mischung aus Grundidee und „Junge-liebt-Mädchen-aber-es-ist-kompliziert-Geschichte“ findet. Kein Handlungsstrang dominiert den anderen, der Plot bleibt sich treu, und ich finde auch nicht, dass der Film Längen hat. Das Erzähltempo passt perfekt, um sowohl die unaufhörlich ratternde Pop-Maschinerie als auch die ruhigen Momente ausführlich in Szene zu setzen.

Natürlich kann man dem Drehbuch vorwerfen, das Rad nicht neu zu erfinden, was das Genre Romantic Comedy betrifft. Denn im Grunde ist „Yesterday“ eine solche. Aber das ist sie auf so charmante Art und Weise, weil Danny Boyle es versteht, genau das geschickt mit seiner einfallsreichen Prämisse zu verknüpfen, sodass ich über diesen kleinen „Makel“ locker hinwegsehen konnte.

Die Schauspieler

Himesh Patel und Lily James erledigen ihren Job wirklich grundsolide. Dem männlichen Hauptdarsteller nimmt man den desillusionierten Singer-Songwriter tatsächlich ab, und Lily James mimt den weiblichen Kumpel, der doch irgendwie mehr will, ebenso souverän.

Beim Rest der Besetzung muss ich zwei Charaktere besonders hervorheben: zum einen Rocky (Joel Fry) und zum anderen Deborah (Kate McKinnon). Während Fry den verpeilten Kumpel darstellt, der aus einem „Garden State“ entsprungen sein könnte, gibt Komikerin McKinnon die brutal ehrliche Managerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Rocky funktioniert als Sidekick wunderbar, aber bei Deborah hatte ich anfangs den Eindruck, dass die Figur ein bisschen überzeichnet ist. Da sie in dem ganzen Gefüge aber eine bestimmte Funktion hat – sie steht stellvertretend für die unerbittliche Musikindustrie –, konnte ich auch das mit Leichtigkeit verzeihen. Zumal sie für einige Lacher gut ist und wir es hier ja nicht mit einem Drama zu tun haben, das auf eine durchweg realistische Darstellung pocht.

Dass Boyle zudem Pop-Größen wie Michael Kiwanuka und Ed Sheeran vor die Kamera holen konnte, verleiht der Story noch mehr Authentizität. Vor allem Letzterer ist ein bisschen tiefer in den Plot eingebunden. Interessanterweise hat Danny Boyle in einem Interview mit dem NME verraten, dass eigentlich Coldplay-Sänger Chris Martin die erste Wahl gewesen wäre. Ich finde aber, dass die „zweite Wahl“ bestens funktioniert. Die Rolle sieht man nämlich nicht nur vor, dass der Musiker sich selbst spielt, sondern sich auch auf den Arm nimmt. Und diese Selbstironie steht Ed Sheeran wirklich gut. Wer weiß, ob Martin das genauso hinbekommen hätte.

Dieser Film könnte Dir gefallen, wenn…

… Du gerne einen sympathischen Feel-Good-Movie sehen möchtest, der das Genre zwar nicht revolutioniert, aber auf einem originellen Fundament steht und trockenen Humor bietet. Und wenn Du außerdem mit popkulturellen Referenzen was anfangen kannst, dann hast du mit „Yesterday“ den perfekten Film fürs Sommerkino gefunden.

Filmfreax-Wertung

Bildquellen

  • Beitragsbild: © 2019 Paramount Pictures

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